Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Der Deutsche ist genervt und ungeduldig. Das zeigt er immer wieder. Und es muss schnell gehen. Egal wohin ich schaue, egal in welcher Situation ich mich befinde, die Leute um mich herum sind gehetzt, gestresst und haben keine Zeit. Manchmal zeigen sie sogar dabei weder Anstand, Zuvorkommen, Höflichkeit oder Rücksicht.

In Berlin, meiner Heimat ist das Verhältnis zur Freundlichkeit, sagen wir es mal diplomatisch, nicht besonders ausgeprägt. Als durchaus freundlich kann man schonmal ein Brummen werten, statt einer ausgefeilten Pöbelei. Auch ein "Kannste nich kieken" ist noch nett gemeint, wenn man unaufmerksam jemanden anrempelte. Wenn man eine Currywurst bestellt, kommt gern einmal ein "na watt jetzt-mit oder ohne?", sollte man beim Bestellvorgang die Art der Wurst vergessen haben anzuzeigen. Also mit oder ohne Darm. Ohne natürlich, sonst wärs ja keine Currywurst. Ist ja klar, oder? Auch ein langweilig genuscheltes "Zurückbleiben" oder "Nich mit m Fahrrad in´n ersten Wagen" ist bei der U- oder S-Bahn keine Seltenheit, aber gut gemeint.

Nun ist der Umgangston das eine, das Verhalten etwas anderes. Gerade auf den vollen Strassen Berlins ist man selbst schnell genervt, wenn der Verkehr dahinschleicht und man für fünf Kilometer durchaus eine halbe Stunde braucht. In diesem Gedränge finden sich dann auch immer wieder überschlaue und rücksichtslose Gestalten, die meinen, schneller voranzukommen, wenn sie diverse Manöver durchführen. Da wird ganz gern der Fahrer auf der Nebenspur geschnitten, weil man im letzten Moment bemerkt, dass das Fahrzeug vor einem abbiegen möchte. Warten ist hier fehl am Platze, da die Ampelphasen zu kurz sind. Natürlich gibt es auch hier die typischen Lückenspringer, die meinen, dass die 80 Zentimenter Platz zu meinem Vordermann für ihr Fahrzeug ausreichen, um sich hinein zu zwängen. Ohne Blinken natürlich, denn das wäre ja zuviel der Arbeit, weil die nächste Lücke auf der Nebenspur bereits wartet. Wenn einem die Vorfahrt genommen wird, was keine Seltenheit ist, wird man dann auch gern, statt sich zu entschuldigen, angehupt. Er war schließlich schneller an meiner Fahrbahn. Und rechts vor links ist Auslegungssache. Nebenbei hat man auch einen Riesenspaß mit unseren fahradfahrenden Freunden. Wahrscheinlich genau die, die sich im Nachgang über die rücksichtslosen Autofahrer beschweren. Regeln gibt es für sie nicht. Bei roten Ampeln wird über die Kreuzung gejagt, Slalom um wartende Autos gefahren, kurz auf den Gehweg ausgeschert und ist die Lücke zwischen der Strasse und dem Bürgersteig noch so klein, es wird durchgebrettert, immer nah an der Kratzgrenze zum Lack. Zudem gibt es freundliche Worte auf den Weg, wenn er an allen wartenden Autos vorbeizieht, die einem geparkten Mitfahrer die Gelegenheit geben auszuparken und dieser ihm, dem König der Strasse, den Weg versperrt. "Du Blödes Arschloch" grüßt er dann. Kurios dabei ist, wenn ich an einer roten Ampel warte und ein Fahrradfahrer hält ebenso korrekt davor, denke ich schon desöfteren "Ja, warum der fährt der denn nicht?" Das hier nicht mehr passiert, grenzt oft an ein Wunder.

Aber der Verkehr auf den Strassen von Berlin hat kein Alleinstellungsmerkmal. Diesen Irrsinn wird man wahrscheinlich in einigen Großstädten vorfinden. Vielleicht nicht ganz so chaotisch wie in Kairo, wo man sich fragt, ob es überhaupt irgendwelche Verkehrsregeln gibt. Da dem Deutschen nachgesagt wird, sein Auto sei ihm lieb und teuer, kümmert er sich um dieses Schmuckstück gern und hingebungsvoll. Am Wochenende zur Autowäsche, alles auf Hochglanz, die sensiblen Stellen noch per Hand nachgearbeitet und penibel jeden Krümel aufgesaugt, den es zu finden gibt. Wenn dann die Autobahnen dieser Republik befahren werden, muss das gute Stück nicht nur allein glänzen, sondern auch ausgefahren werden. Möglichst schnell und auffällig. Viele Deutsche denken ja noch immer, es sei Freiheit ohne Tempolimit über die Autobahnen zu jagen. Und sie lassen es sich nicht nehmen. Plane ich längere Fahrten, graust es mir davor. Denn ich weiß schon vorher, dass die Reise wieder einmal für mich Stress bedeutet. Würde sich jeder Verkehrsteilnehmer auf diesen Strassen vor- und rücksichtsvoll benehmen, wäre alles entspannter für mich. Aber man kann sich darauf verlassen, dass es Situationen geben wird, die den Puls ansteigen lassen. Einen Kaffee brauche ich selten vorher. Ich selbst möchte in den meisten Fällen einfach nur von A nach B und bin immer froh, ohne Vorkommnisse dort auch anzukommen. Einige Länder durfte ich kennenlernen, in denen das Autofahren viel entspannter war. Nehmen wir die USA. Die Highways und Interstates bieten im Gegensatz zu unseren Strassen zunächst in ihrer Bauweise mehr Platz, da die einzelnen Fahrspuren breiter sind und die Interstates oft mehr Fahrspuren besitzen als die Autobahnen bei uns. Zudem gilt die Geschwindigkeitsbegrenzung. Auf den Highways zwischen 55 und 65 Meilen pro Stunde, also ca. 90 – 105 kmh und auf den Interstates im Schnitt um die 75 Meilen pro Stunde, ca. 120 kmh. Auch nach hunderten Kilometern auf diesen Strassen, und ich bin dort einige Tausende gefahren, kommt man relativ relaxed am Zielort an. Ein wenig verwirrend ist zwar, dass die meisten Amis anscheinend nicht wissen, wo ihr Hebel für den Blinker ist, wenn sie die Spur wechseln, aber auch das verursacht keinen Stress, denn jeder hält meist einen gebührenden Abstand zum Vordermann ein. Diese Fahrweise und vor allem ein entsprechendes Tempolimit würde ich mir auch bei uns wünschen. Auch wenn diese Meinung die meisten Mitbürger um mich herum nicht teilen. Im Schnitt liegt meine Fahrgeschwindigkeit bei diesen amerikanischen Verhältnissen, vielleicht ab und zu noch bei 130 kmh. Aber am Ende reicht mir das. Und bei diesen Fahrten bin ja nicht auf der Flucht, sondern eher auf einem Ausflug oder einer Urlaubsfahrt. Aber selbst, wenn ich beruflich solche längeren Strecken nutzen müsste, würde ich mich nicht anders verhalten. Wenn ich sehe, mit welcher Agressivität auf deutschen Autobahnen gefahren wird, dann wird mir Angst und Bange. Riskante Überholmanöver, Lichthupen, Lückenspringer, dieses auf-1-Meter-an-den-Vordermann herangefahre, nur um zu zeigen, er wäre stärker und schneller, das nervt absolut. Wie oft ich auf diesen Fahrten kritische Situationen gesehen habe, kann ich kaum noch benennen. Man hat selten das Gefühl, dass man als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer gesehen wird, sondern eher als Konkurrenz oder Hindernis. Kräftemessen statt Höflichkeit, Risiko statt Rücksicht Bösartigkeit und Egomanie statt Verantwortungsbewußtsein. So etwas kann ich alles nicht brauchen.

Also her mit dem Tempolimit, so schnell es geht. Nicht aus den immer diskutierten ökologischen Gründen, sondern einfach nur zu meinem Schutz, dem meiner Familie und anderer Verkehrsteilnehmer.

Auch wenn ich das Thema Autofahren ein wenig ausführlicher behandelt habe, gibt es natürlich weit mehr Situationen, an denen der Deutsche gern seine Ungeduld unter Beweis stellt. "Jibts denn hier nich ma ne zweete Kasse?" erschallt wahrscheinlich nicht selten durch die Supermärkte unserer Stadt. Oft sogar von, nennen wir sie mal Rentner. Also denen, die die meiste Zeit hätten. Diese Frage wäre wahrscheinlich berechtigt, müsste sich der lautstark Vortagende in eine 20 oder 30-köpfige Schlange wartender Einkäufer einreihen. Vereinzelt mag so etwas durchaus vorkommen, nur die Regel ist es nicht. Bereits 3 Kunden vor ihm reichen, um seinen Unmut kund zu tun. Auch der obligatorische Satz "ich hab nur 2 Sachen, könnte ich schnell vor?" ist kein seltener. Ähnliche Erfahrungen werden nicht nur allein Supermarktmitarbeiter erleben, sondern auch der Post-, Behörden, Bank- oder Einzelhandelsangestellte. Wenn ich so etwas höre, würde ich manchmal gern entgegnen "Was ist Dein Problem, einafch mal 5 Minuten abzuwarten, bis Du dran bist? Die Leute hier machen ihren Job und wenn Du eigentlich keine Zeit für diese Erledigungen hast, warum bist du dann hier?" Mir liegts manchmal auf der Zunge.

Abseits des Einkaufswahnsinns und je näher man der City kommt, folgt das typische Strassenbild. Gehetzte Mitbürger, zum Teil mit Kopfhörer im Ohr und laut telefonierend, ziehen flotten Schrittes an einem vorbei. Wenn man Glück hat ohne Smartphone in der Hand und ohne Ausweichmanöver, weil der erste benannte Teil eh nicht richtig mitbekommt, wohin er geht und ob ihm jemand entgegenkommt. Kaum schlendernde Leute, die ruhig und gemächlich ihres Weges ziehen. Was haben die alle vor? Sind sie verabredet und zu spät losgegangen? Haben sie sich einen Timer gestellt, um ihre Strecke innerhalb der eingestellten Zeit zu erreichen? Möchten sie pünktlich zu ihrer nächsten Mahlzeit erscheinen und wenn es dann 5 Minuten zu spät wär, ist dann der Tag versaut? Nun möchte man meinen, nagut mitten in der Stadt – da ist das halt so. Weit gefehlt. Selbst in den ruhigsten Arealen trifft man auf sie.

Wenn es das Wetter zulässt, verbringe ich die Mittagspausen meiner Arbeitswochen im Volkspark Humboldthain. Ich liebe es, dort Zeit zu verbringen, spazieren zu gehen, mich an manchen Tagen auf eine der zahlreichen Bänke zu setzen, um zu lesen, Hörbücher zu hören, oder einfach nur die frische Luft genießen. Ausschalten und Entspannen. Es wäre schön, diese Ruhe genießen zu können. Aber stattdessen sieht man, neben den Leuten, die wie ich, einfach nur Entspannung suchen, am laufenden Band die Gehetzten. Hetzende Jogger ohne Hund, mit Hund, mit zwei Hunden, Typen in Strassenklamotten ohne sportliche Ambitionen, mit Rucksack und ohne Rucksack. Vorbeijagende Fahradfahrer allein, zu zweit, zu fünft. Alle in Eile, alle im Stress. Dabei kommen einem Gedanken auf, ob nicht der ein oder andere gerade einer Oma die Handtasche geklaut oder jemanden verprügelt hat. Irgendwie nervt es.

Selbst bei kulturellen Veranstaltungen kommt man nicht an sie vorbei. Man sollte meinen, dass gerade solche Events zur Entspannung und der Unterhaltung dienen sollten. Das gilt für einige aber anscheinend erst dann, wenn sie ihren Sitzplatz/Stehplatz in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten oder im Stadion erreicht haben. Im Vorfeld der Vorlesung, des Theaterbesuches oder des Konzertes drängt sich dann der gestresst gehetzte potentielle Besucher von der Seite möglichst nah an den Haupteingang. Ob hier bereits eine Schlange anderer Wartender steht oder nicht, er sieht zu, dass er die nächste 20-cm-Lücke entdeckt, in die er sich hineinzwängen kann. Gern auch mit einer ganzen Gruppe. Nicht etwa, dass ich, wie auch alle anderen vor und hinter mir bereits 10 oder 15 Minuten dort stehen. Wahrscheinlich für ihn nur, weil wir Spass daran haben, eine Schlange zu bilden und unsere Zeit vertrödeln wollen. Dass die dort Stehenden das gleiche Event erleben möchten, wie der Drängelnde auch, das zählt hier kaum. Gern folgt auch von solchen Herrschaften der lautstarke Spruch, warum es hier nicht weiterginge.Und dann stehen sie dort an ihrer unlauter erkämpften Position und rühren sich nicht von der Stelle. So lange, bis es einen Schritt weiter geht. Da wünschte ich mir gern einen kleinen Elektroschocker, den man für solche Zwecke nutzen kann. Zumindest soweit, bis ich wieder Luft bekomme.

Nein, wir sind nicht mehr in der Lage abzuwarten, alles ein wenig ruhiger anzugehen. Geduld aufzubringen. Wenn, dann muss alles schnell gehen, man will immer erster sein und darf keine Rücksicht auf andere nehmen. Uns reicht es nicht mehr, einfach einen Brief zu schreiben, oder eine Postkarte. Sofort muss der Empfänger benachrichtigt werden. Egal, wie belanglos es ist. Zack, ne eMail oder SMS, eine Nachricht über diverse Messengerdienste geschrieben und mein Thema ist erledigt. Das nächste wartet schon. Auch eine Bestellung bei einem Online-Versandhandel, die man am Morgen tätigt, sollte spätestens am Abend in den eigenen vier Wänden eintreffen. Vorfreude darf sich gar nicht erst einstellen. Wenn das Paket selbst am nächsten Tag nicht eintrifft, fangen die ersten bereits an, sich zu beschwerden.

Naja. Das Leben ist kurz. Das ist mir klar. Nur wird es wahrscheinlich noch kürzer, wenn man sich tagtäglich stressgehetzt durch den Alltag bewegt. Einen Adrenalinschub kann man sich auch auf andere Weise besorgen. Dazu braucht man kein Auto, keinen Einkaufswagen oder ein Event, bei dem ich zudem immer mit meinem Verhalten noch riskieren muss, eins auf die Mütze zu bekommen. Leute, entspannt euch und bucht bei nächster Gelegenheit, wenn ihr es drauf ankommen lassen wollt einen Fallschirmsprung, einen Bungee-Jump oder macht Freeclimbing. Was auch immer. Hierbei geht ihr den anderen wenigstens nicht auf den Keks.

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Zum Seitenanfang