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Mit 14 Jahren hatte ich meinen ersten und letzten Vollrausch, inklusive Filmriss. Ich hatte mich für eine Ferienarbeit beworben und fuhr als Hilfskraft in ein Feriencamp. Kost und Logis frei und viele nette Leute um mich. Gegenüber befand sich ein See und wir genossen die frische Luft, da das Camp in einem Wald lag. Viel zu tun hatte ich dort, abgesehen von den ersten Tagen, nicht viel. Ich half dem Hausmeister des Camps Betten, Fahrräder, Tische und Stühle zu reparieren und die Heizungsanlage für das heiße Wasser am Laufen zu halten. Ab und zu musste auch die ein oder andere Glühlampe gewechselt werden. Aber das war es dann auch. In den verbliebenen Tagen dieser zwei Wochen hatte ich viel Freizeit. Die meisten Helfer und Betreuer waren mir bekannt. Wir hatten viel Spass und bekamen am Ende etwas Geld dafür.

Alle anderen Helfer war der Küche zugeteilt. Somit hatten auch sie viele Freistunden zwischen den Mahlzeiten. Am Abend setzte man sich zusammen, machte Musik, unterhielt sich und versuchte diese Zeit zu genießen. Da meine Mitstreiter, abgesehen von den erwachsenen Betreuern, älter waren als ich, fand sich in den uns zugeteilten Bungalows auch immer die ein oder andere Flasche Wein, die man gemeinsam leerte, damit die Abende noch lustiger und geselliger wurden. Ich war bis dahin mit Alkohol selten in Berührung gekommen und fand die Wirkung grundsätzlich nett.

An einem Abend waren die Betreuer zu einer Feier ausserhalb des Camps eingeladen. Geblieben ist nur eine Notbesetzung. Grund für uns, mal richtig auf den Putz zu hauen. Neben einigen Flaschen Wein trieb dann jemand aus den Beständen der nichtanwesenden Erwachsenen eine Flasche Boonekamp auf, mit der wir uns die Zeit vertrieben. Falkenbitter hieß das Zeug. Roch nach Medizin und war eher abstossend, als einladend. Weil wir auf die Schnelle nichts im Lager fanden, was dazu passte, um gemischt zu werden, pfiffen wir uns das Zeug pur rein. Da wir auch keine kleinen Gläschen fanden, die einem Magenbitter gerecht wurden, nutzten wir unsere Saftgläser. Meins, und das muss ich zugeben, war ziemlich voll. Und weil es eklig schmeckte, musste es schnell weg. Nur an einige wenige Momente nach meiner Kür erinnere ich mich. Bis ich am späten Vormittag des nächsten Tages wieder in meinem Bett aufwachte. Wie ich dort hin gekommen war und wie der restliche Abend verlief, habe ich nicht mehr mitbekommen. Ich wusste nur, dass es mir äußerst schlecht an diesem Tag ging. Dieser Zustand hielt bis zum frühen Abend an.

Meine erste Erfahrung und die Erinnerungen an diesen Vollrausch waren nicht besonders schön. Ab da war ich eher vorsichtig, als exsessiv. Natürlich folgten viele Feierlichkeiten, Zusammenkünfte, Klassenfahrten und Diskobesuche, an denen Alkohol getrunken wurde. Das gehörte dazu, wurde akzeptiert und wir als Minderjährige fanden es reizvoll, unsere Erfahrungen zu machen.

In meinem Freundeskreis wurde es mit den Jahren üblich, dass irgendwer irgendwas zur Aufheiterung mitbrachte. Das war gängig, denn wir alle kannten bereits den Umgang mit dem Hochprozentigen aus unseren Familien. Zu Feierlichkeiten wurde grundsätzlich aufgetischt. Für die Oma der Wein oder der Likör, für die Herren das Bier und n Korn und für die Genießer das Gläschen Weinbrand. Die Bude wurde zudem von den Rauchern vollgequalmt. Alle Gäste fanden es in Ordnung, gemütlich, unterhaltsam und äußerst anregend. Der Tisch war gefüllt mit den unterschiedlichsten Getränken, durchaus auch mit nichtalkoholischen und... Wasser ... tja Wasser war zum Waschen da...und gehörte nicht auf den Tisch. In den Siebzigern und Achtzigern für mich und andere ein gewohntes Bild. Wahrscheinlich für viele andere in den vergangenen Jahrzehnten auch. Man wuchs damit auf.

Diese Normalität hinterfragt man nicht. Wenn der Vater am Abend sein Bierchen trinkt, auf den Urlaubsfahrten immer eine Flasche Schnaps zugegen ist und bei sämtlichen Besuchen ein reicher Vorrat an Alkoholika zur Verfügung steht, dann macht man sich keine Gedanken dazu. Auch nicht, wenn dies in aller Regelmäßigkeit geschieht. Sein eigener Erzeuger war Alkoholiker und täglicher Kneipengänger. Es gab jedoch keinen Anlass, darüber zu sprechen. Das war halt so. Anders wird es erst, wenn sich die Menschen im näheren Umkreis verändern. Als Kind hat man zunächst keinen Bezug dazu. Es gibt vielleicht Ereignisse, an die man sich erinnert. Wie zum Beispiel ich, dass eines Abends die Polizei in die elterliche Wohnung kam und nach meinem Vater fragte. Der lag bereits volltrunken im Bett, schlief und ist zuvor im Strassenverkehr auffällig geworden, so dass sich auch unsere Ordnungshüter dafür interessierten. Ich habe bis heute das Bild im Kopf, wie diese vor dem Bett standen und seinen Namen riefen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich war 6 oder 7 Jahre alt.

Ich wuchs mit dem Glauben auf, dass der Alkohol zum täglichen Leben gehört. Wie das Brot, die Eier oder die Butter. Später, dass es zum guten Ton gehört, bei Feierlichkeiten mitzutrinken. Da ich bei vielen festlichen Anlässen anwesend war, ich begann bereits im Alter von 14 oder 15 Jahren mit meiner Unterhaltungsmusik aufzutreten, wurde auch der Alkoholkonsum höher. "Hier für die Band eine Runde! Prost" oder "N Schnaps für die Musiker" war üblich. Dass beim Spielen die Reaktionsfähigkeit und das Sehvermögen schnell nachließ, oder mein Schlagzeuger durchaus auch mal daneben schlug oder die Trommelstöcke in hohem Bogen fliegen ließ, war nicht selten. Aber auch dies waren keine Gründe, darüber nachzudenken. Je später der Abend, je schlechter wir spielten, umso betrunkener wurde auch das Publikum. Somit waren wir mit ihnen auf einem ähnliche verklärten Level, denn keinem fiel etwas auf und die Abende wurden immer zum großen Erfolg. Einzig und allein meine Sorge um mein Equipment wurde mit den Jahren größer. Denn ab und zu hatten wir den einen oder anderen hackedichten Gast gen Schlagzeug oder den Keyboards schwankend tanzen sehen. Manchmal fehlte nicht viel, um unsere Instrumente zu schrotten. Und wer wie ich in der DDR aufgewachsen ist, der weiß wie schwierig es war, an vernünftige Musikinstrumente zu kommen. Uns war es nicht immer vergönnt, auf einer richtigen und schützenden Bühne zu stehen.

Da mein Großvater mütterlicherseits Berufsmusiker war, wurde auch er mit dieser vom Publikum gutgemeinten Geste regelmäßig konfrontiert. Ich fragte ihn eines Tages, wie er damit umging. Denn so unzählige Runden Schnaps und Bier, die ihm angeboten wurden, kann auch der geübteste Musikant in aller Regelmäßigkeit nicht durchstehen. Ganz einfach, meinte er, wir hatten an der Seite der Bühne immer zwei große leere Flaschen stehen. Weil der Wirt meist nur eine Sorte braunen bzw. klaren Schnaps ausschenkte, konnte man in den kurzen Pausen, je nach Farbe heimlich die Gläser umschütten, danach so tun, als ob man trank und dem Rundenspendierer das leere Glas zuprosten. Ja. So gehts auch. Die Flaschen nahm man dann mit nach Hause und nutzte sie für feierliche Anlässe. Immer abwechselnd. Damit sparte man Geld. Ansonsten haben sich die Herrschaften beim Spielen immer nur ein oder zwei Bier gegönnt.

Dass sich mein Vater im Laufe der Zeit durch den Alkohol veränderte, bemerkte ich zunächst an kleinen Dingen. Meine Erziehung, wie die meiner Brüder übernahm mehr und mehr meine Mutter. Auch die Organisation vieler alltäglicher Aufgaben blieb an ihr hängen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er uns irgendwann zu einem Arztbesuch begleitete, mal einen Entschuldigungszettel schrieb, oder mit uns allein etwas unternahm. Mein Vater ging arbeiten und wenn er konnte, fuhr er einkaufen oder legte sich für seinen geliebten Mittagsschlaf ins Bett. Der konnte dann schonmal bis zum frühen Abend dauern. Immer weniger nahm er am aktiven Familienleben teil. Zudem gab es wenige Interessen, die wir gemeinsam verfolgten. Für Schach und Angeln hatte ich selbst nicht die Ruhe und mit aktiver Musik oder Theater konnte er wenig anfangen. Handwerklich war er begabt. Hier konnte er uns einiges beibringen. Immerhin hatte er einen Meistertitel im Elektrohandwerk in der Tasche und ab 1985 machte er sich selbständig.

Dass irgendetwas nicht stimmte, machte er selbst zum Thema. Eines Tages, ich war vielleicht 13 oder 14, erklärte er mir, dass er die Schnauze voll vom Alkohol hatte. Nie wieder, sagte er. Ich war erstaunt. Gemeinsam mit mir durchforstete er Schränke, vorher abgeschlossene Werkstattmöbel und die unmöglichsten Verstecke im Haus, um Schnapsflaschen einzusammeln. Diese brachten wir in unsere Küche und gossen sie literweise in den Ausguss. Seitdem wusste ich, dass dies mehr als ein Problem war, dass nur er lösen konnte. Tatsächlich gab er sich danach eine Weile Mühe, die Situation in den Griff zu bekommen. Aber leider hielt sich diese Abstinenz nicht lange.

Diese Ereignisse gab es in den Folgejahren immer wieder. Der Alkoholkonsum wuchs und viele Dinge im Haushalt und im Garten wurden von ihm vernachlässigt. Gerade als Jugendlicher wünschte ich mir manchmal einen Vater, mit dem ich Gespräche führen könnte, die mit meiner Mutter oder meinen Freunden nicht möglich waren. Oder einen Vater, der mich in bestimmten Situationen begleitet oder unterstützt hätte. Das hat leider so nicht stattgefunden, weil wir uns eher voneinander entfernt haben. Ganz zu schweigen von Entscheidungen, die zu treffen waren. Ihn brauchten ich und meine Brüder gar nicht erst fragen. Er hat nicht immer getrunken. Es gab Wochen oder Monate, in denen er nichts zu sich nahm. Aber diese Phasen wurden im Gegensatz zu den Zeiträumen in denen er immer einen gewissen Pegel hielt, immer kürzer.

Er war ein ruhiger Mann. Oft in sich gekehrt. Wenn er trank, hörte man, wie sonst auch, selten ein böses Wort, geschweige denn, dass es Auseinandersetzungen gab. Aber seine Alkoholsucht wurde mit den Jahren offensichtlicher und bedrohlicher. Er brauchte nur noch wenig, dies aber regelmäßig. War es ein wenig mehr, versagten seine Beine oder es ging ihm schlecht. Ärzte suchte er kaum noch auf, auch wenn er sie gebraucht hätte, um zu verhindern, dass ihn jemand auf sein Problem anspricht. Auch sein Äußeres veränderte sich. Er alterte schnell, achtete nicht mehr sonderlich um sein Auftreten und sah mit der Zeit weit älter aus, als er tatsächlich war. Seinen Zustand zu verheimlichen, hat irgendwann nicht mehr geklappt. Jedem in unserer Familie war klar, wann er auf Einkaufstour ging, um sich Nachschub zu besorgen oder wie oft er seine wohlgemeinten Verstecke aufsuchte. Hätte er in diesen Tagen weit mehr Verantwortung gehabt, hätte unser aller Leben nicht mehr funktioniert. Wir hätten wahrscheinlich nicht einmal mehr etwas zu essen gehabt. Glücklicherweise funktionierte der Familienbetrieb. Meine Ma führte ihn irgendwann, die Arbeiten übernahmen mehr und mehr die Angestellten.

Je mehr der ständige Alkoholkonsum in sein Leben eingriff, umso weniger trank ich. Ich wurde volljährig. Ab jetzt durfte ich offiziell alles kaufen und trinken, was ich wollte. Die Heimlichkeit und das Verbotene fielen weg. Somit verlor dieses Rauschmittel seinen Reiz für mich. Ich hatte es eh selten gebraucht, um mich besser zu fühlen oder lustig und gut drauf zu sein. Das war ich auch ohne Alkohol. Zudem schmeckten mir viele Alkoholika überhaupt nicht. Mit normalem hellem Bier zum Beispiel kann ich bis heute nichts anfangen.

Im Gegensatz zu meinem Vater, den ein familiäres und finanziell stabiles Umfeld auffing, hatte meine Tante mütterlicherseits nicht so viel Glück. Auch sie verfiel der Sucht und zerstörte damit ihr Leben. Sie verlor alles, was ihr lieb und teuer war. Ihren Mann, ihren gut bezahlten Job als Verkaufsstellenleiterin und letztendlich ihren Sohn, den das Jugendamt in einem Kinderheim unterbrachte. Die Tochter wandte sich bereits vorher von ihr ab und führte ein eigenes Leben. Es brauchte lange, dass meine Tante verstand, was zu tun sei. Ihre Trinksucht, und das erzählte sie einmal, ging soweit, dass sie morgens körperlich nicht einmal in der Lage war, eine Flasche zu öffnen. Somit füllte sie am Vorabend eines jeden Tages jeweils ein Saftglas mit Wodka, womit sie dann auch die Möglichkeit hatte, den Tag zu beginnen. Wegen ihres Sohnes kam sie letztendlich vom Alkohol weg. Aber seitdem war nichts mehr, wie es war. Das Leben, dass sie sich erhoffte, konnte sie nie wieder herstellen. Ihre Sucht verlagerte sich mit den Jahren. Tabaksucht, Computerspiele und Morphine bestimmten lange ihr Dasein. Auch sie veränderte sich auffallend. Von der lebenslustigen und unternehmungsfreudigen Person war am Ende nicht mehr viel geblieben, als ein Häufchen Mensch, dass in Selbstmitleid, Unzufriedenheit und Sucht verfiel.

Ein sehr prägendes Erlebnis hatte ich 1994. Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine eigene Familie gegründet. Wir wohnten in einem separaten Haus auf dem Grundstück meiner Eltern. Meine Ma fuhr für wenige Tage in den Urlaub. Und wir kümmerten uns um die Katze, den Haushalt und meinen Vater. Dass er sich um alltägliche Dinge nur noch selten kümmerte, daran hatten wir uns gewöhnt. Wir bekamen ihn in diesen Tagen selten zu Gesicht. Normalerweise saß er ganz gern in seinem Sessel im Wohnzimmer und schaute fern, oder vor dem Haus und löste Kreuzworträtsel. Es kam uns komisch vor. Wir schauten nach ihm. Er lag im Bett und sagte, es ginge ihm nicht gut. Wahrscheinlich Magenverstimmung. Es ging ihm Tag für Tag schlechter. Als ich an einem Nachmittag nach ihm schaute, stellte ich fest, dass er schielte und stark halluzinierte. Das Bett verlassen konnte er nicht mehr. Ich war mit der Situation überfordert und rief einen Notarzt. Dieser lehnte es ab, ihn zu behandeln. Er erklärte mir, dass es sich hier um einen Alkoholiker handelt, der gerade einen Entzug durchmacht. Ich versuchte, diesem Arzt klarzumachen, dass die Symptome, wie das Schielen oder die Halluzinationen doch nicht normal sein könnten. Er wiegelte ab mit der Begründung, dass diese Menschen selbst um Hilfe bitten müssten, um wenigstens einen Entzug zu beginnen. Alles andere wäre zweitrangig. Nur dazu war mein Vater gerade nicht in der Lage. Ich fühlte mich allein gelassen. Beunruhigt setzte ich meine Mutter über diesen Vorfall in Kenntnis. Sie setzte dann alle Hebel in Bewegung, die nötig waren.

Mein Vater kam in die Klinik. Da dieser kalte Entzug, wie auch sein Verhalten in der Vorzeit erhebliche Schäden hinterließ, war es ihm ab da nicht mehr möglich, Auto zu fahren, oder zu arbeiten. Festgestellt wurde bei ihm letztendlich die sogenannte Wernicke-Enzephalopathie. Diese Krankheit schädigt die Nervenzellen des Gehirns, wodurch diese zunehmend beeinträchtigt werden und schließlich absterben. Vorrangig tritt diese häufig bei alkoholkranken Menschen oder Menschen mit gestörtem Essverhalten auf und ist auf die mangelhafte Versorgung des Gehirns mit Vitamin B1 zurückzuführen. Er wurde berentet. Sein körperlicher Zustand verbesserte sich zwar in der Folgezeit, aber sein Orientierungsverhalten und das Kurzzeitgedächtnis waren für immer beeinträchtigt.

Unsere Familie war bestrebt, ihn zu unterstützen, wo es nur ging. Ihn fernzuhalten von den Versuchungen, die ständig präsent waren, wurde Familiensport. Auf eigenen Familienfeiern verzichteten wir grundsätzlich auf das Bereitstellen jeglicher alkoholischer Getränke. Die einzige, die sich dagegen regelrecht wehrte, war seine Mutter. Für sie war bereits die Einweisung in die Entzugsklinik unsäglich. So ein Quatsch, meinte sie, eine Alkoholkrankheit gäbe es doch gar nicht. Das ist alles nur Blödsinn. Wer weiß, welche Gesundheitsfanatiker sich sowas ausgedacht haben. Wenn es danach ginge, müsse sie ja selbst alkoholkrank sein, denn sie trinke schließlich jeden Abend 2 Gläser Wein oder Wermut und das hätte ihr bisher auch nicht geschadet. Außerdem könne sie jederzeit darauf verzichten. Diesen Beweis blieb sie uns im Übrigen bis zu ihrem Tode schuldig. Wir führten etliche unschöne Diskussionen mit ihr. Auf die Symptome angesprochen und auf den Entzug, der nicht zu übersehen war, weil er sehr typisch ablief, meinte sie, dass das nur von den Chemikalien herrühren kann, mit denen mein Vater durchaus arbeitete. Und nicht nur das. Ihre Trotzreaktionen und ihre Rebellion gegen "unser" Alkoholproblem-Gehabe führten schnell dazu, dass sie ihrem Sohnemann etwas gutes tun wollte und ihn zu jeder passenden Gelegenheit wieder mit Alkohol versorgte. Was für ein Triumph! Wir waren entsetzt und stocksauer. Sie blieb ignorant und verstand nicht, was sie ihm damit antut.

Das Thema Alkohol spielte auch in späteren Jahren immer wieder eine Rolle in den Gesprächen mit meiner Großmutter. Sie veränderte ihre Meinung nicht. Für sie blieben die alkoholischen Muntermacher harmlos und Alltag. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes, führte sie eine Beziehung mit einem älteren Herrn aus dem Rheinland. Weil die beiden nicht zusammenziehen wollten, verbrachten sie jeweils eine geraume Zeit in Berlin oder in Gummersbach. Da ihr Freund Mitglied einer Blaskapelle war, wurde natürlich jede angebotene Feierlichkeit genutzt, um dabei zu sein. Und davon gab es einige im Rheinland. Straßenfeste, Schützenfeste, Dorffeste, Feuerwehrfeste, Sommerfeste und der Karneval. Es gab immer etwas zu feiern. Und um es ordentlich krachen zu lassen, gehörten Alkoholika nunmal dazu. Sie erklärte mir ernsthaft, dass sie sich bei solchen Anlässen gar nicht wagen würde, nichts zu trinken. Alle tun das und sollte man sich dem verweigern, würde man als Spielverderber dastehen und wie ein Aussätziger behandelt werden.

Da ich selbst, wie auch die anderen Familienmitglieder, ausser mein Vater, während der Besuche bei ihr nie etwas tranken, kamen von ihr immer wieder Aufforderungen. "Nur ein Gläschen, das schadet dir doch nicht!" Nee Oma, lass mal, ich trinke auch sonst nicht. Die Anmerkungen "Na sowas kann ich mir nicht vorstellen", oder "das ist aber jetzt unhöflich von dir..." ließen erkennen, dass sie sich nicht bemüßigt fühlte, wenigstens einmal über das Thema nachzudenken. Tja, was soll man dazu sagen?

Mein Vater wurde nie abstitent. Aber durch diverse körperliche Beschwerden und seiner Krankheit war es ihm später nicht mehr möglich, auf sein altes Trinkverhalten zurück zu fallen. Ich selbst habe in den letzten Jahren überhaupt nichts mehr angerührt. Selbst zu meiner Hochzeit vor zwei Jahren nicht. Das war mehr Zufall, als Absicht. Es hat sich nicht ergeben. Aber auch zuvor, wahrscheinlich in den gesamten letzten 15 Jahren gab es bei mir, wenn überhaupt, einmal im Jahr ein Glas Radler. Es fehlt mir nichts und keiner hat mich deswegen jeh gemieden. Ich glaube auch, dass diese vier Vorbilder, mein Vater, mein Großvater, meine Großmutter und meine Tante erhebliche Auswirkungen auf das Trinkverhalten innerhalb der gesamten Familie hatten. Weder meine Mutter, noch meinen Bruder habe ich in der Vergangenheit Alkohol trinken sehen. Die Zeit und die Ereignisse haben uns geprägt.

Wenn man einmal erlebt hat, was der Alkohol anrichten kann, dann denkt man auch über Dinge nach, worüber sich andere eher selten Gedanken machen. Zum Beispiel, warum Cannabis, ein weit verträglicheres und weniger gesundheitsgefährdetes Rauschmittel nicht längst legalisiert wurde. Im Gegensatz zum Alkohol sogar eher verteufelt wurde. Warum? Weil es eine sogenannte Einstiegsdroge ist, wie immer behauptet wird? Das ist der Alkohol allemal. Und den bekomme ich legal an jeder Ecke dieser Republik. Für den Zigarettenkonsum herrschen seit Jahren strikte Beschränkungen und ein umfangreiches Werbeverbot. Warum nicht für Alkohol? Sollte ich doch einmal fernsehen, was immer weniger geschieht, werde ich regelrecht bombardiert mit Sekt-, Bier-, Likör- oder Schnapswerbung. Das wirkt befremdlich. Klar, die Menschen sollen trinken was sie wollen, aber mal ehrlich, warum muss man sie dann noch dazu animieren?

Ich gebe mich auch meinen Genüssen hin. Das will ich nicht abstreiten. Ich trinke gerne Kaffee, esse gern Schokolade und dampfe gern. All diese Dinge haben einen ähnlichen Risikofaktor. Warum das Dampfen im Gegensatz zu den anderen Genussmitteln hier eher eine Aussenseiterrolle aufgedrückt bekommt, ist mir ein Rätsel. Warum davor gewarnt wird umso mehr. Aber vielleicht geht es nur ums Geld. Weil wir gerade beim Geld sind: Rund 200 000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an den Folgen des Tabak- und Alkoholmissbrauchs. Laut aktuellen Zahlen und Studien werden allein 120 Milliarden Euro im Jahr aufgewendet, um folgebedingte Krankheits-, Behandlungs, Medikamenten-, Rehabilitations- und Pflegekosten abzudecken. Das ist ganz ordentlich für angeblich harmlose Genüsse, wie mir so mancher erklären möchte. Aber das nur am Rande.

Na gut. Ich möchte mit meinen Gedanken hier keinen bekehren, der anderer Meinung ist. Denn völlig gesund lebe ja auch ich nicht. Dass alkoholische Getränke noch immer eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz genießen, sehe ich an den Geschenken zu entsprechenden Anlässen. Immer wieder sind auch hier Weinflaschen oder Ähnliches dabei. Na gut, habe ich halt etwas zum Weitergeben. Bei mir würden diese Flaschen bzw. der Inhalt eher schlecht werden. Was ich tue, ist ein besseres Beispiel für meine Kinder abzugeben, als es mein Vater jeh war. Ich erzähle ihnen, dass Zigaretten und Alkohol nicht zum normalen Leben dazu gehören müssen. Und auch möchte ich ihnen ein Bewußtsein übermitteln, dass bestimmte Angebote, auch wenn sie legal sind, ihre Wirkung haben können und ein Risko mit sich tragen. Ich werde es ihnen nicht verbieten, und hatte es bei meiner Großen auch nicht, eigene Erfahrungen zu sammeln. Die habe ich selbst machen dürfen. Ich möchte ihnen beweisen, dass sie nicht zum Außenseiter werden, wenn sie nicht mittrinken, nur, weil es in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Aber eines werde ich nie machen. Sie jemals dazu ermutigen oder ihnen etwas anbieten.

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