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Mittlerweile befinde ich mich in einem Alter, in dem man durchaus behaupten kann, die erste Lebenshälfte längst überschritten zu haben. Nicht, dass ich mich alt fühle, aber erste Gedanken dazu beschäftigen mich. In der Pubertät dachte ich noch: Boah, der oder die ist schon dreißig. Sooo alt wirst du wahrscheinlich nicht. Als ich dann tatsächlich das dreißigste Lebensjahr abschloss, bermerkte ich, wie schnell diese Zeit vorüberging. Bis heute behaupte ich ab und zu aus Spaß, ich sei erst 29. Das nimmt mir schon lange keiner mehr ab. Aber ich erinnere mich, dass ich damals mit dem Dreißigsten irgendwie ein Problem hatte. Am Ende stellte ich fest, dass es eine blöde Idee war, mich an diesem Geburtstag so aufzuschaukeln. Denn unaufhörlich rückte auch der Abschluss meines vierten Lebensjahrzehnts in Griffnähe. Ich habe bis dahin bereits eine Menge erleben dürfen, aber die Vorstellung eines erfüllten Lebens sieht dann doch anders aus. Mittlerweile war ich Vater, habe viele musikalische Erfahrungen gemacht und ein wenig von der Welt gesehen. Erlebnisse und Eindrücke habe ich gesammelt, um ein Leben zu leben, dass ich mir vorstellte. Weise bin ich nicht geworden. Auch kann ich nicht von mir behaupten, besonders erwachsen zu sein. Ich schaue noch immer diverse Trickfilmserien, wie Spongebob, oder die Simpsons, benehme mich gern kindisch und erfreue mich an den albernsten Dingen. ... Also irgendwie ist alles wie früher

Nachdenklicher bin ich wahrscheinlich geworden. Eventuell auch ein wenig kritischer. Die Verarbeitung mancher Begebenheiten hat sich verändert. Ich schreibe vieles auf. Manchmal wird sogar ein Podcast daraus. Aber tatsächlich sind dies Themen, die mich auch früher beschäftigt haben. Nur mit dem Unterschied, dass sie damals eher schneller aus dem Gedächtnis verschwanden, als heute. Verantwortung habe ich sehr früh übertragen bekommen. Ich war schließlich der Älteste von drei Brüdern. Ich wurde einkaufen geschickt, hatte meine Aufgaben im Haushalt, musste im Garten den Rasen mähen und als meine Mutter zeitweise eine schwere Krankheit überstehen musste, lernte ich kochen. Mein Vater hatte dafür eher zwei linke Hände und ließ dann auch schonmal die Nudeln anbrennen.

Manchmal erschrecke ich mich, wenn es um mein Alter geht. Ich gehe stramm auf die 50 zu und denke daran, dass ein ganzer Teil meiner Verwandten in diesem Alter bereits Großeltern waren. Opa – das muss man sich mal vorstellen. Unwahrscheinlich ist es natürlich nicht. Meine große Tochter wird bereits 26 in diesem Jahr. 26 - da war ich bereits 4 Jahre Vater. Trotzdem, Opas waren ja eher die, die ihre Hosen bis zum Bauchnabel zogen und Hemden trugen, die die graue, oder wenig Haare auf dem Kopf hatten. Hosenträger benutzten und ein bisschen schusselig waren. Naja, schusselig war ich ein Leben lang. Vielleicht ist das doch kein so gutes Beispiel. Egal, das Bild eines Großvaters unterscheidet sich in meiner Wahrnehmung gänzlich von dem, was ich bin. Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Großeltern sind moderner geworden. Auch haben sie ihre Art zu leben verändert. Meine Großeltern wuchsen im Krieg auf und übernahmen in jungen Jahren durchaus eine gänzlich andere Verantwortung, als wir es kennen. Kinder bekam man früher. Das gesamte Familienbild war ein anderes. Aber welche albernen Sprüche hört man heute? 40 ist das neue 30, 50 das neue 40... blablabla... Naja. Typische Opas sind für mich zumindest nicht die, die wie ich mit Skatern herumfahren, jede Achterbahn, die ihnen über den Weg läuft mitnehmen und Rockkonzerte besuchen. So. Dabei bleibe ich!

Apropos Konzerte. Auch durch sie wird man immer wieder mit der Nase draufgestossen, wie alt man ist. Fernsehsendungen, wie der Musikladen oder später Formel Eins prägten zum Teil meinen Musikgeschmack und das Radio hatte einen recht hohen Stellenwert. Populäre Radiosendungen liefen in Berlin auf RIAS 2, SFB 2 oder DT64. Die heutige Jugend kennt diese Art des Konsums kaum noch und wartet nicht mehr. Sie haben keine Lieblingssendungen. Radio? Fernsehen? Wozu? Spotify an und es wird gehört, was einem gefällt. Youtube gestartet und man sieht seine Lieblingskünstler. Netflix an und zack, man schaut Serien und Filme, auf die man Lust hat. Ohne Warten, ohne Vorfreude und ohne Gespräche darüber am nächsten Tag. Wenn ich meinen Kindern erzähle, dass wir manchmal eine ganze Woche warten mussten, bis unser Lieblingsprogramm im Fernsehen lief, können sie es sich kaum vorstellen. Ebenso, dass wir mit dem Finger auf dem Kassettenrekorder stundenlang warteten, bis unsere Lieblingssongs liefen und diese dann auf einer Magnetbandkassette festhielten. Wir ärgerten uns höllisch, wenn dann der blöde Moderator wieder ins Lied hineingequatschte oder der Song extrem eingekürzt wurde, weil die Nachrichten oder die Verkehrsmeldungen verkündet wurden. Und dann warteten wir weiter auf die perfekte Aufnahme.

Naja. Nostalgie halt... Aber eigentlich wollte ich ja etwas zu Konzerten erzählen. In der DDR, in der ich aufwuchs, hatten wir leider nicht die Möglichkeit, unsere Pop- und Rockhelden live zu sehen. Wir mussten uns damit begnügen, was uns die Medien lieferten. Der Rundfunk und die beiden wichtigsten Musikzeitschriften Bravo und Popcorn. Irgendwer brachte in der Schule immer eine aktuelle Ausgabe mit, die dann durch viele Hände ging. Zudem gab es einen regen Handel mit Postern. Eine Wand meines Zimmers war voll davon. Was hätten wir darum gegeben, eines der Konzerte zu erleben, von denen wir nur Fotos und Ausschnitte aus dem Fernsehen kannten. Wir waren neidisch, als unsere Englischlehrerin erzählte, dass sie ein Konzert von Kraftwerk in Ungarn besucht hatte. Erst viel später, gegen Ende der 80er Jahre öffnete sich die DDR in dieser Richtung und ließ auch Westkünstler auftreten. Ich nahm fast alles mit, was uns geboten wurde und besuchte Konzerte von Rio Reiser, der EAV, Depeche Mode, Heinz Rudolf Kunze, Bruce Springsteen, Tom Petty, Bob Dylan, Joe Cocker, James Brown, den Rainbirds und vielen anderen Bands und Künstlern. Wir hatten echt etwas aufzuholen. Und waren ausgehungert. Mein Interesse für solche Live-Events flaute auch nach der Wende nicht ab. Hunderte Konzertbesuche folgten und ich möchte nicht wissen, wieviel Geld ich in meinem Leben dafür ausgegeben habe. Heute gibt es nur noch wenige Künstler, die auf meiner Abarbeitungsliste stehen. Und einige, deren Konzerte ich regelmäßig besuche. Aber tatsächlich sind es wenige geworden. Wenn ich mir zudem die Preisentwicklung der Tickets anschaue, überlege ich heute dreimal, ob es sich für mich lohnt. Denke ich zurück, muss ich feststellen, dass ich einen Teil meiner Lieblingskünstler nie wieder sehen kann, da sie schon vor Jahren gestorben sind. David Bowie oder Rio Reiser zum Beispiel. Besuche ich aktuelle Konzerte, wird mir bewußt, dass hier zum Teil echte Großväter oder Großmütter im Rentenalter am Werke sind, oder zumindest kurz davor. Bryan Ferry, Peter Gabriel, Kraftwerk, Jean Michelle Jarre oder Westernhagen sind bereits um die 70. Aber auch die nächste Generation meiner 80er Jahre Helden, wie OMD, Erasure, Gary Numan, Jimmy Somerville und viele andere, steuern geradewegs auf das 60. Lebensjahr, oder haben es bereits überschritten. Ja, irgendwie scheint der Lauf der Zeit an ihnen nicht vorbei zu gehen. So sehr man sich das auch wünscht. Ich erschrecke mich nur manchmal, weil ich noch recht genau viele Videoclips aus ihren besten Zeiten im Kopf habe und die Person auf der Bühne ein gänzlich anderes Bild abgibt.

Was ich feststelle, wenn es ums Alter geht ist, dass sich der ein oder andere in seiner Selbstwahrnehmung ordentlich verschätzt. Ich selbst erzähle natürlich nicht jedem, wie alt ich bin, wenn das Thema aufkommt. Ich lass mich überraschen, ob er es herausbekommt. Glücklicherweise gehen die meisten eher davon aus, dass ich jünger sein könnte, als ich es tatsächlich bin. Dann fühle ich mich natürlich geschmeichelt. Das liegt aber wahrscheinlich eher an meinem Auftreten und meiner Art, als in der Erscheinung. Gehen seine Annahmen in die Gegenrichtung, bin ich auch nicht traurig. Es gibt jedoch einige Herrschaften in meinem Umkreis, die von Vornherein von sich behaupten, sie sähen definitiv jünger aus, als sie sind. So sehr ihnen diese Vorstellung auch gefällt, es wird schon peinlich, wenn man mit einer 70er Jahre Hausfrauenfrisur, oder einem grauen Haarkranz, dazu noch mit Kleidung der Marke Unmodern so etwas behauptet. Selbst glauben kann man es gern. Aber ich muss andere damit nicht überzeugen. Meine Großmutter dachte bis an ihr Lebensende, dass sie weit jünger wahrgenommen wird. Sie trug grundsätzlich 60er Jahre Miniröcke und Pumps. Aber das wirkte dann mit sechzig oder siebzig auch nicht mehr authentisch.

Wird man älter, erwischt man sich schnell dabei, auf die guten alten Zeiten zurückzublicken. Waren sie tatsächlich besser? Schaut man genau hin, stellt man schnell fest, dass sich oft nur um ein Gefühl handelt, die diese Erinnerungen auslösen. Das Negative blendet man schnell aus, vergisst, oder verdrängt sie und selbst das Gute aus diesen Tagen, wird nochmals umso schöner verklärt. Schon mein Großvater warf meinen Eltern vor, wie furchtbar es doch eigentlich ist, in der heutigen Zeit, also damals den Siebzigern, Kinder in die Welt zu setzen. Ob die 50er und 60er Jahre ein besseres Umfeld boten, Kinder aufzuziehen, das darf stark bezweifelt werden. Vor allem, wenn man sich die Erinnerungen meiner Eltern anhört. Ein gutes Beispiel, warum diese guten alten Zeiten nicht unbedingt die besseren waren, ist eines aus meinem musikalischen Umfeld:

Erzähle ich der jüngeren Generation etwas aus meinen musikalischen Anfängen, und das war immerhin schon Anfang der Neunziger Jahre, ist man durchaus neidisch darauf. Ein wenig liegt es daran, dass in den letzten Jahren wieder vermehrt analoge Geräte in der Musikproduktion gefragt sind und auch wieder hergestellt werden. Ja, ein regelrechter Hype und Glaubenskrieg wird darum geführt. Klingt der analoge Equalizer oder Kompressor nun wärmer oder besser, nur, weil er 1.200 Euro teurer ist, als sein virtueller Klon aus dem Rechner? Nein, tut er in den meisten Fällen nicht.

Als ich meine erste LP aufnahm, ich war 22, taten wir dies, wie wir es uns vorstellten. In einem richtigen Tonstudio. Es war faszinierend, so etwas zum ersten Mal zu sehen. Unzählige Gerätschaften, viele teure Mikrofone, diverse Instrumente und wahrscheinlich Kilometer an Kabel. Zu erfassen, was dort alles stand und wozu es eingesetzt werden konnte, war als Neuling nicht möglich. Hinter einem riesigen Mischpult im Wert einer schicken Luxuslimousine mit Hunderten Knöpfen und unzähligen Fadern saß der Toningenieur und hatte alle Hände voll zu tun. Wir selbst saßen oder standen in seperaten Aufnahmeräumen und versuchten, unser Bestes an den Instrumenten, oder vor dem Mikrofon zu liefern. Wir schauten dem Zauberer am Mischpult über die Schulter, wie er alles unter Kontrolle behielt. Im Hintergrund saß oft der Produzent und stimmte mit ab, wie das Arrangement verfeinert werden konnte. Eine 24-Spur Bandmaschine verrichtete ihre Arbeit, die midifähigen und ausschließlich externen Geräte und Synthezizer wurden über einen Atari eingespielt und programmiert und alles andere, was man aufnahm, musste per Hand gespielt werden. Was wir dann auch taten. Am Ende wurde der fertige Mix an ein sogenanntes Masteringstudio übergeben und finalisiert. Zwischenstände und Mixe wurden zur Kontrolle auf eine Magnetbandkassette überspielt, damit wir schauen konnten, ob alles passt und uns gefällt. Diese ganzen Prozesse waren sehr aufwändig und nahmen viel Zeit in Anspruch. Die Qualität, die man am Ende in Händen hielt, war nicht vergleichbar mit unseren Kassettenmitschnitten, die als Demo dienten.

Die Aufnahmen unserer zweiten LP begannen wir bereits 1997/1998. Hier verflog der Zauber ein wenig, den man bei der ersten Produktion spürte und erlebte. Man wusste, wie es klingen muss und bereitete sich entsprechend vor. Ich selbst hatte mir bereits nach der ersten Platte meinen ersten Atari zugelegt. Statt der Bandmaschine, die nur noch für die Aufnahmen des Schlagzeugs fungierte, setzte man im Studio bereits auf Computertechnologie. Ein Apple Macintosh verrichtete hier seinen Dienst. Die Platte nahm Gestalt an. Pro Tool III hieß das Programm und war für einen kleinen Musiker wie mich, wie auch der hochgerüstete Apple Computer unerschwinglich. Da diese Software leider nicht mehr als 16 Spuren verwalten konnte, mischten wir die CD im Studio eines befreundeten Producers, der eine aktuellere und größere Version dieses Programmes besaß.

Ich habe in den Jahren noch einige andere Projekte in diesem Studio produziert. Die Arbeitsweise hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. Abläufe vereinfachten sich und eigene Aufnahmen mit dem PC wurden kompatibel, so dass ich sie mit jedem Producer der Welt austauschen kann. In Windeseile. Das alte große Mischpult steht aus Nostalgie immer noch dort, wird aber kaum mehr benutzt. Wenn ich mir allgemein heutige Tonstudios anschaue, dann haben diese mit der von mir beschriebenen alten Welt kaum mehr etwas zu tun. Wobei es auch Ausnahmen gibt. Die Vorgänge sind gleich geblieben, also ich ich nehme etwas auf, bearbeite es und mische daraus ein Resultat. Nur dazu brauche ich weder zwingend ein Mischpult, eine Bandmaschine, noch externe Geräte. Lediglich einen Computer, einen Laptop oder ein iPad. Die Gerätschaften, Effekte und Tonerzeuger existieren als Programme, wenn ich virtuell arbeite und sollte ich akustische Instrumente, oder Gesang aufnehmen wollen, brauche ich lediglich noch einen Vorverstärker und gute Mikrofone. Hätte mir jemand damals erzählt, dass ich selbst eines Tages eine ganze Studioproduktion bei mir zu Hause aufnehmen könnte, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Das war unvorstellbar. Ein Lottogewinn, eine umfangreiche Erbschaft, oder der unwahrscheinlichste Fall, man wäre äußerst erfolgreich geworden, waren zu jener Zeit die einzigen Möglichkeiten, sich qualitativ hochwertige Arbeitsmittel zu beschaffen. Einer Finanzierung im Werte eines Hauskaufs, hätte keine Bank zugestimmt. Wenn ich mir anschaue, wie einfach es ist heutzutage Aufnahmen in einer guten Qualität zu meistern, vorausgesetzt, man weiß was man tut, dann sind diese alten Zeiten doch eher Nostalgie und nicht unbedingt mehr wünschenswert. Wer genug Geld sein eigen nennt, der kann natürlich heute wieder analoges Aufnahmequipment kaufen. Das Angebot ist da, die Industrie wieder darauf eingestellt und der Kaufwillige bekommt allerhand schmackhafte Technik auf sämtlichen Kanälen dargeboten. Aber zum Glück muss man nicht mehr darauf zurückgreifen. Und das ist ein Segen

Vergessen. Vergessen tue ich viel. Aber ich bin mir relativ sicher, dass dies schon immer so war. Also... wahrscheinlich. An einen besseren Zustand kann ich mich nicht erinnern. Nee, Spaß beiseite. Bereits als junger Mensch musste ich mir tatsächlich vieles aufschreiben, damit es nicht unterging. Oft habe ich mir nur selektiv Dinge gemerkt, die ich mir merken musste. Im Theater meine Parts der Texte, in der Schule Gedichte, bis sie aufgesagt wurden, oder Formeln für den Physik- und Matheunterricht. War das jeweilige Thema nicht mehr aktuell, konnte ich mich darauf verlassen, nicht mal mehr einen Ansatz zusammen zu bekommen. Ich habe das Gefühl, dass sich meine Finger an mehr erinnern können, als ich. Denn durchaus spiele ich auf dem Klavier manchmal Stücke, die ich jahrelang nicht interpretierte. Und es funktioniert. Im Gegensatz dazu, konnte ich mir Songtexte nie merken. Teilweise würde ich den einen oder anderen Part meiner Songs vielleicht noch hinbekommen, aber der Rest fiele mir nicht ein. Wenn dann noch das Lampenfieber bei einem Konzert dazu kommt, bin ich völlig aufgeschmissen. Also brauche ich Hilfsmittel. In den Jahren, als wir Unterhaltungsmusik interpretierten, war das kein Thema. Wir spielten unzählige Songs der 70er und 80er Jahre nach,vom Schlager bis zur Pop- und Rockmusik, vom Schneewalzer zu Weihnachtsliedern. Je nach Veranstaltung, je nach Publikum und Anlaß. Dass ich hier meine Mappe mit Texten und Noten vor mir zu stehen hatte, interessierte sowieso keinen. Hauptsache man wurde unterhalten. Bei unseren ersten Konzerten, in den 90ern, mit eigener Band und eigenen Songs hingegen, habe ich mir kleine Zettelchen mit unseren Lyriks in recht kleiner Schrift gebastelt und auf den Synthie gelegt, so dass es nicht auffiel. Das klappte aber oft nicht so recht, weil ich neben den Einstellungen an den Geräten meist auch noch umblättern musste. Zudem waren sie bei Open Airs schon gar nicht geeignet, wenn Wind aufkam. Da lobe ich mir die heutige Technik mit seinen Tablets und iPads. Denn selbst, wenn ich die Zettelchen noch nutzen müsste, ich würde sie heute keinesfalls mehr lesen können. So habe ich alles in entsprechend lesbaren Lettern sehr kompakt in einem Gerät. Und gut platziert fällt es auch nicht auf. Andere Dinge muss ich mir auf jeden Fall aufschreiben. Einkaufen ohne Zettel ginge gar nicht. Aufgaben im Garten oder Haushalt würde ich untergehen lassen, schriebe ich sie mir nicht auf. Und dann dieser Wahnsinn mit den unzähligen Passwörtern heutzutage. Ich nutze mittlerweile Apps, um diese zu verwalten. Hinzu kommt, dass ich in der Bank, in der ich in Teilzeit arbeite, die Kennworte alle 30 Tage ändern muss. Ich würde verrückt werden. Das einzige, was ich mir jahrzehntelang merken konnte, waren Kontonummern. Naja, es war halt Routine. Und seit der Umstellung auf das IBAN-System, funktioniert auch das nicht mehr besonders gut.

Das ich mir bereits in jungen Jahren meine Augen bei der Arbeit versaut habe, ist dem Umstand geschuldet, dass die Computertechnik eine recht einfache war. Tagtäglich in einen 15 x 15 cm kleinen Bildschirm zu schauen, der zudem nur eine grelle grüne Schrift aufwies, machte keinen Spaß. Schon bald musste ich mir eine Brille zulegen. Für die Arbeit war das o.k und ich hatte kein Problem damit. So eitel war ich nicht. Eine lange Zeit hat das gut funktioniert. In den letzten Jahren jedoch gehts in dieser Hinsicht steil bergab. Abendliches Vorlesen geht nicht mehr ohne Brille. Die Arme waren plötzlich nicht mehr lang genug, um mit einem anständigen Abstand die Buchstaben zu erkennen. Das Handy benutzen ohne sie, vergiss es. Gut, dass mein e-book-Reader eine Funktion hat, die Schriftgröße zu verändern. Sonst würde ich auch hier völlig scheitern. Ich bemerkte bereits, dass ich in meinem Studio kaum noch analoges Equipment für Aufnahmen benutze. Bei den Instrumenten sieht es ein wenig anders aus. Ich besitze zwar eine Menge an virtuellen Klangerzeugern, aber ich kaufe mir ab und zu wieder richtige Synthesizer. Das liegt zum einen daran, dass ich die Gerätschaften auch auf einer Bühne nutzen kann und zum Zweiten, weil ich die Einstellmöglichkeiten bei den virtuellen Instrumenten kaum noch auf dem Bildschirm erkennen kann. Gerade bei Synthesizern gibt es oft sehr viele Einstellmöglichkeiten, mit denen man einen Klang formen kann. Fragt mich jemand, warum ich soviele Instrumente besitze, antworte ich meist, dass ich es einfach nur cool finde, etwas in Händen zu haben. Richtige Knöpfe und Regler. Und erst der Klang! Dass ich trotzdem manche Beschriftung an den Geräten nicht mehr lesen kann, lasse ich lieber aus.

Aber nicht nur das Sehvermögen macht einem zu schaffen, auch auf anderen Gebieten baut man ab.

Ich bin sicher noch recht agil, aber ich merke schon, dass ich im Gegensatz zu früher z.B. meinem Kind nicht mehr so schnell und ausdauernd folgen kann. Meine Kleine ist jetzt 8. Bei meiner ersten Tochter war das in diesem Alter eher kein Problem, aber da war ich 18 Jahre jünger. Es knackt und knirscht an allen Enden und an manchen Tagen denke ich, dass ich kurz zuvor einen Marathon gelaufen bin. Dabei habe ich wenn es hoch kommt, mich nur kurz im Garten betätigt, oder bin mal für ne Stunde zu Fuß unterwegs gewesen. Nach körperlich anstrengenden Tagen falle ich am Abend wie ein Stein ins Bett und wenn ich Pech habe, plagt mich am nächsten Tag der Muskelkater. Was ich auch bemerke, ich war früher schlank und hielt mein Gewicht über Jahre. Egal, wie wenig ich mich bewegte, egal, was ich aß. War kurzzeitig dann doch mal ein wenig mehr auf den Rippen, verschwanden diese Kilos schnell. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Vor allem, nachdem ich vor knapp 8 Jahren aufhörte zu rauchen.

Von den Alten hörte ich immer "Ich brauch nicht mehr soviel Schlaf". Ich dachte, diese Phase beginnt bei mir auch irgendwann. Zumindest ansatzweise. Aber Pustekuchen! Wenn ich könnte, würde ich noch immer meine 10 Stunden schlafen. Es hat sich nichts geändert. Falls irgendwas daran wahr sein sollte, hoffe ich, dass es nicht erst eintritt, wenn ich Greis bin. Denn dann nutzt mir diese gewonnene Zeit auch nicht mehr viel. Heute könnte ich sie gebrauchen.

Genauso fand ich es immer sehr seltsam, von ihnen zu hören, wie doch die Zeit verrenne. Das leuchtete mir, vor allem als Kind und Jugendlicher nicht so recht ein. Die Zeit verrann nicht, sondern das Gegenteil war Fall. Es zog sich. Unterrichtsstunden, Prüfungen, Ausbildung, auf die Ferien warten, in ein gewisses Alter kommen, um bestimmte Filme im Kino sehen zu können, oder damit man endlich in die Disko gehen durfte. Es zog sich wie Kaugummi und es ging nicht besonders schnell vorwärts. Auch meine Eltern prophezeiten mir, dass ich später diese Jahre schmerzlichst vermissen würde und mich danach zurücksehne. "Sei froh, dass Du in diesem oder jenen Alter bist!" Erst seit ich selbst Vater bin und Verantwortung trage, rast die Zeit. Als ob jemand den Schalter umgelegt hat. Die To-do-Listen werden immer länger, weil Zeit fehlt und die Freizeit immer kürzer wird. Tja. Da haben wir den Salat. Leider hatten sie alle recht. Wahrscheinlich wird dieser Kreislauf immer so weiter gehen und die Sprüche gleich bleiben. Auch ich habe diese Sätze bereits weitergegeben. Aber mir wurde ebenso wenig geglaubt.