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So, ich muss los, meine Sendung beginnt bald. Dieser Satz war die Vorbereitung, so schnell wie möglich aufzubrechen. Im Laufschritt zur Haltestelle, damit man pünktlich den Bus oder die Bahn bekam, oder flink auf´s Rad geschwungen, um rechtzeitig das Fernsehgerät zu Hause anschalten zu können. Man wusste, sollte man seine Sendung verpassen, würde man diese so schnell nicht wieder sehen können. Ärgerlich wurde es, wenn man den Anfang nicht mitbekam oder gänzlich darauf verzichten musste. Wegen eines Besuches, einer unerledigten Aufgabe, oder dem auferlegten Fernsehverbot. Dann hatte man nur noch die Möglichkeite, sich das Versäumte von anderen erzählen zu lassen. Ja. So war das in den 70er und 80er Jahren. Videorekorder hatten wir nicht und Wiederholungen waren selten.

Man hatte die Wahl zwischen 5 Programmen, ARD, ZDF, Die Dritten und dann noch das erste und zweite Programm des DDR-Fernsehens. Die Programmabläufe waren eingetaktet, so dass fast jede Fernsehsendung seinen festen Platz bekam. Einige Highlights sendete man nur einmal in der Woche. Frühmorgens lief ein Testbild, vormittags oft Bildungsfernsehen und in der Nacht war das Programm irgendwann zu Ende, bis erneut ein Testbild nach der Nationalhymne erschien. Die Vorabendserien waren nicht alle spannend, weshalb man sehnsüchtig auf seine wenigen Favoriten wartete. Serien wie Ein Colt für alle Fälle, Airwolf, Die Bill Cosby Show oder McGyver hielten uns bei Laune, wie auch eine der wichtigsten Sendungen überhaupt Formel Eins, die einzige deutsche Musikshow, in der ab 1983 Musik-Videoclips gespielt wurden. Was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, man freute sich auf und über die wenigen Werbeblocks, die gesendet wurden. Hier konnten wir DDR-Kinder wenigstens sehen, was es auch außerhalb unserer kleinen Republik, abseits der sozialistischen Kaufhallen gab. Die Kinder- und Jugendprogramme nahmen nur einen kleinen Teil der Sendezeit in Anspruch, weshalb einige ausgesuchte Sendungen heißbegehrt waren und oft hohe Einschaltquoten erzielten. Nur die Sesamstrasse lief regelmäßig wochentags und der Sandmann täglich. Die restliche Zeit, von der es für uns mehr als genug nach der Schule gab, nutzte man um zu Spielen, Fahrrad zu fahren, Radio zu hören oder Freunde zu treffen. Abgesehen von den Hausaufgaben und den Verpflichtungen, denen man nachging. Verpassen konnten wir im Fernsehen wenig, ausser unsere raren Favoriten. Und die ließen sich meist an einer Hand abzählen. Zudem hatte man am nächsten Tag Gesprächsstoff in der Schule.

Unser eigenes (also das elterliche) Fernsehgerät war schwer, klobig, aus hellem Holz und hatte einen Standfuß. Dies hatte den Vorteil, dass es an jedem Platz in der Wohnung aufgestellt werden konnte. Bei uns lange Zeit in der Küche, da sich hier das eigentliche Leben abspielte. Das Antennenkabel bekam man schon irgendwie dorthin, oder man nutzte eine Zimmerantenne. Bis in die späten Achtziger hinein sahen wir alles auschließlich in schwarzweiss. Diese Geräte waren bezahlbar und man vermisste nichts, da auch die meisten Verwandten ähnliche Apparate besassen. Nur meist älter, als unser eigener.

Mein Vater betonte lange Zeit, dass wir uns glücklich schätzen konnten, überhaupt ein Gerät zu besitzen. Denn in seiner Jugend war dies keine Selbstverständlichkeit. Sein Vater war zwar eine der ersten im Umkreis, die sich solch ein Gerät leisteten, aber viele andere waren nicht dazu in der Lage, oder hielten es für neumodischen Schnickschnack, den man nicht brauchte. Demzufolge traf sich hier ein Teil der Verwandtschaft, oder der Nachbarschaft, um auch mal fern zu schauen. Dieser Kasten war noch größer, als unser eigenes Gerät, dafür war die Bildröhre nur ca. 24 x 20 cm groß. Also kleiner, als ein DIN A4-Blatt. Ich habe es gerade ausgemessen. Denn wahrhaftig steht dieses Gerät bei uns noch in der Garage. Warum, kann ich nicht sagen und meinen Vater kann ich nicht mehr mehr fragen, denn er verstarb 2018. Seine Ansage war ein wenig überholt, denn in den Siebzigern und Achtzigern waren natürlich die Fernsehgeräte in vielen Haushalten längst Standard. Keine Frage. Es faszinierte mich früher, wenn ich ein Farbfernsehgerät sah. Nur einige wenige waren in der Lage, sich so etwas zu leisten, oder hatten Westverwandschaft, über die solch ein Apparat besorgt werden konnte.. Ich nutzte sogar die Situation ein wenig aus, wenn ich eine Schulfreundin besuchte, deren Eltern einen solchen Apparat besaßen. Seitdem wusste ich, dass das Krümelmonster und Grobi aus der Sesamstrasse blau waren.

Ich bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Trotzdem: Streit um das Programm führte man nicht, oder sagen wir recht selten, obwohl nur ein einziges Gerät zur Verfügung stand. Entweder es lief etwas, was uns Kinder interessierte, oder nicht. Und wenn nicht, blieb die Kiste einfach aus. Als Jugendlicher spielte es dann sowieso keine Rolle mehr. Ich bekam mein eigenes kleines Fernsehgerät. In Schwarzweiß, dafür im handlichen, mobilen Format.

Das Medium Fernsehen strahlte ohne Zweifel auf uns eine gewisse Magie aus. Der Apparat lief nicht einfach nur nebenbei, man kannte oft Sendezeiten seiner Lieblingssendungen und der Konsum war programmbedingt zeitlich sehr eingegrenzt. Schon allein dadurch reizte es uns als Kinder, auch mal Ausstrahlungen zu sehen, die das Abendprogramm bestimmten. Abgesehen von einigen ausgewählten Spielfilmen, oder der klassischen Samstagabend-Unterhaltung, wie Am laufenden Band, Dalli Dalli, der Rudi Carrell Show, oder Wetten dass..., nahm man gern in Kauf bei Übernachtungen in der Verwandschaft auch alte Filme mit Hans Moser, Theo Lingen, Hans Albers oder Heinz Rühmann zu sehen. Eine große Freude machte sich dann breit, weil man lange fern schauen durfte. Als ich älter wurde, war der Fernsehabend bei meiner Großtante zum Beispiel längst nicht beendet, denn nach der normalen Abendunterhaltung durfte ich bei ihr auch Filme aus der Reihe Monster, Mumien, Mutationen sehen, die auf dem Dritten Programm ausgestrahlt wurden. Überhaupt hatte man zu dieser Zeit ein anderes Verhältnis zu den Fernsehmedien, als heute. Diese wollten professionell unterhalten und man wußte, dass es hier nur Filme zu sehen gab, die bereits einige Jahre auf dem Buckel hatten. Für aktuelle und neue Filme, besuchte man sowieso die Kinos in seiner Umgebung. Sofern diese auch in der DDR verfügbar waren. Meine Kinder können sich diese Art von Fernsehkonsum heute gar nicht mehr vorstellen.

Ende der 80er Jahre folgte dann das Privatfernsehen. Wir fanden das toll, denn dies war eine nette Bereicherung des Alltags, da sich die Auswahl der Angebote vergrößerte. Jedoch auch die Anzahl der Werbeunterbrechungen. Anfangs noch zwischen den Sendungen, unterbrach man irgendwann auch Spielfilme mit einem Werbeblock. Die Fernsehgemeinde war entsetzt. Auch wir fanden das auf der einen Seite recht ärgerlich, auf der anderen bot man uns damit eine kurze Pause, ohne etwas zu versäumen. Denn irgendwer musste mittendrin immer aufs Klo. Heutzutage würde man sich regelrecht freuen, wenn es bei dieser einen Pause bliebe.

Na gut, man würde sich freuen, wenn überhaupt noch ein vernünftiges Programm liefe. Aber das scheint kaum mehr möglich zu sein. Mit der Programmvielfalt und den stetig wachsenden Zahlen der Programmanbieter schien es proportional mit der Qualität abwärts zu gehen. Filme wurden, außer bei den Öffentlich Rechtlichen immer öfter durch Reklame unterbrochen, so dass man Anfang der Neunziger ernsthaft überlegte, das damals einzige Pay-TV Angebot von Premiere anzunehmen. Dieses bestand aus einem Kanal, in dem in Dauerschleife relativ aktuelle Spielfilme ausgestrahlt wurden. Natürlich erst nach der Videopremiere.

Schaltete man damals wegen Desinteresse aus, weg oder um, weil einem der Dokumentarfilm, die Unterhaltungssendung oder der Spielfilm nicht gefiel, tut man das heute vor allem wegen der unterirdischen Qualität. In vielen Sendern herrscht anscheinend eine derart konzentrierte Geldknappheit, so dass man den Anschein hat, Hobbyproduzenten werde hier eine Bühne gegeben, ihre No-Budget-Produktionen auszuprobieren. Hielt man Ende der 80er schon Gameshows für überflüssig, so muss man heute zugeben, dass diese zumindest einen Unterhaltungswert besassen. Der Trend zum Trash verschlimmerte sich in den Folgejahren mit täglichen Talkshows, Gerichtssendungen und billigem Verkaufsfernsehen.

Glaubte man bis dahin nicht, dass alles noch schlimmer werden konnte, dann wird man heute eines Besseren belehrt. Amateurhafte Sendungen mit geskripteten Realityshows und völlig talentfreien Laiendarstellern bestimmen mittlerweile die Fernsehlandschaften einiger Sender. Eine Zumutung, wie ich finde, um es noch nett auszudrücken. Mit Fernsehen hat das Ganze am Ende nichts mehr zu tun. Da wünscht man sich doch das gute, alte Testbild mit dem 1kHz Piepton zurück, was sicherlich spannender und unterhaltsamer wäre.

Wobei, als es die Reality-Shows noch nicht gab, haben uns einige Sender mit fingierten und völlig absurden, dabei billig produzierten Gewinnspielshows gequält. Ich erinnere mich beim Durchzappen auch ab und zu auf einen Sender namens Neun Live gestossen zu sein, den es mittlerweile, zum Glück muss sagen, nicht mehr gibt. Um mich darüber ein wenig auszulassen, hatte ich damals einen Blogartikel verfasst Der Hot Button von Neun Live, hier auf diesen Seiten nachzulesen. Ja, es war ein kurzes Statement zu dieser Art von Programm. Aber, es sieht so aus, als ob die Leute doch nicht so doof waren, dort anzurufen. Keine dieser Quizshows hat überlebt. Gut so.

Mein Fernsehverhalten veränderte sich bereits in den Neunzigern. Immer öfter besuchte ich die Videotheken in meinem Umkreis, lieh mir Filme aus, um zum einen nachzuholen, was mir in der DDR unterhaltungstechnisch verwehrt wurde und zum anderen, weil ich unabhängiger werden wollte. Zudem schloß ich tatsächlich ein Abo bei Premiere ab, weil die Videothekenbesuche am Ende auch Aufwand bedeuteten. Immer seltener schaltete ich zu den regulären Sendern. Das Programmangebot von Premiere erweiterte sich mit dem Zusammenschluß von DF1, so dass es sich kaum mehr lohnte, Spielfilme mit unzähligen Werbeunterbrechungen im normalen Fernsehbetrieb zu sehen.

Diese Art von Konsum hielt sich bei mir über viele Jahre, bis ich irgendwann meine Zeiteinteilung veränderte. Immer weniger sah ich fern, umso mehr kümmerte ich mich um andere Dinge, so dass es sich kaum mehr lohnte, überhaupt noch einen Film oder eine Serie zu anzuschauen. Denn diese begannen ja trotzdem zu festen Zeiten und wenn ich mich dazu entschloß, es mir gemütlich zu machen, liefen die meisten Sendungen bereits. Dank fortschreitender Technik und schnellem Internet passten sich die äußeren Umstände langsam an mein Zeitmanagement an. Streamingdienste wie amazon, oder Netflix beziehungsweise die Mediatheken der Öffentlich Rechtlichen, durchaus auch mal der Privatsender boten mir nunmehr eine völlig freie Wahl, wann ich wo etwas sehen möchte. Und das nutze ich.

Die Programme und das Angebot werden sich in den nächsten Jahren verändern müssen. Ich bin hierauf sehr gespannt. Denn so wie es aussieht, werden ab 2022 die Ausstrahlungen im alten Standardformat eingestellt, so dass man, um Privatsender weiter empfangen zu können, ein Abo für den neuen HD-Standard abschließen muss. Da aber viele Fernsehzuschauer derzeit keinen Mehrwert darin erkennen, für einen Haufen Schrott auch noch Geld auszugeben, sehen die Zahlen der Abschlüsse für den High Definition-Dienst derzeit eher mager aus. Ich schaue meine Programme über Satellit und empfange daher noch vollständig das alte Standardformat. Wenn diese Art der Ausstrahlung beendet wird, werde ich gern darauf verzichten auf HD umzusteigen. Dann gibt es halt kein RTL, ProSieben-Sat1 oder sonstige Sender mehr bei mir, sollte sich bei den Inhalten nichts grundlegend verändern. Nichts wird mir fehlen. Ich kenne genügend Leute in meinem Umkreis, die vorher TVBT oder Kabelanschluss hatten und letztendlich schon jetzt darauf verzichten.

Bevor ich diesen Podcast schließe, noch eine Anmerkung, die dazu passt: Nicht nur in der Fernsehwelt herrscht die große und triste Einfallslosigkeit der Billigproduktionen, sondern das Ganze erstreckt sich auch auf viele Hörfunkangebote. Fast jeder zweite Sender reklamiert mittlerweile landauf, landab für sich, das Beste aus den 70ern, 80ern, 90ern bis heute zu spielen. Und das rund um die Uhr. An sich keine schlechte Idee, für den, der es mag. Wenn es nicht auch gleichzeitig viele andere machen würden und dieses Konzept so inflationär kopieren. Egal, wohin ich reise, egal, wo ich Radio hören möchte, schalte ich mein Gerät ein, höre ich die gefühlten 50 gleichen Hits hoch und runter dudeln. Mein Gitarrist Heiner nennt diese Sender grundsätzlich nur noch Dudelsender ohne Charakter. Auch den Begriff Dejavu-Sender habe ich bereits gehört. Im Grunde sehr passend. Die Radiostationen sind so austauschbar geworden, dass man sich fragt, warum sie sich nicht zu einem einzigen Sender zusammenschließen, der dann republikweit diesen Einheitsbrei ausstrahlt. Regional baut man einfach Nachrichten und Verkehrsinfos ein und gut ist. Interessant finde ich zudem, wie solche Sender argumentieren, wenn man ihnen genau das vorwirft. Sie denken tatsächlich, aufgrund einiger Analysetools, Computerstatistiken und eigener Befragungen, dass sie mit dieser Vorgehensweise ein breites Abbild ihrer Hörerinteressen zum Besten geben. Der Hörer wünscht sich das schließlich. Also sind wir, die Konsumenten selbst schuld, dass diese glattgebügelte Eintönigkeit existiert. Dass sie aber oft am Hörerinteresse vorbei planen, zeigen die massiven Abwanderungen und Hörerverluste vieler Dudelsender. Würden sie genau diese abgewanderten Leute befragen, warum sie kein Interesse mehr zeigen, ihren Sender einzuschalten, würde sich ein komplett anderes Bild ergeben, und ein Umdenken erzeugen. Diese Analyse jedoch vermeidet man. Früher waren es Moderatoren und Redakteure, die das Programm gestalteten. Diese Individualität und der menschliche Entscheidungsgeist scheint nicht mehr in Mode zu sein.

Wenn sie so weiter machen, bliebe am Ende eine handvoll Spartensender übrig, einige wenige mit gutem Programm und ein paar dieser Dudelsender. Im Grunde traurig. Denn durch dieses Handeln wird eines Tages unsere Fernseh- und Radiowelt kaum oder nicht mehr existieren. Die Leute werden sich ihre Playlists auf den Streamingdiensten zusammenstellen und ihre Nachrichten an anderer Stelle abrufen. Ich erinnere mich gern zurück an die Zeit, wo Radiosender tatsächlich noch Programm anboten, dass schwerpunktmäßig sehr weit gestreut war. Man hatte seine Chartshows, seine Sendungen für neue Musik, Sendungen für Klassiker und Sendezeit für Individualisten. Heute gibt es diese Unterteilung kaum noch. Eine Sendung ist wie die andere, nur mit ausgetauschten Moderatoren und einer sich immer wiederholenden Songliste mit wenig Überraschungen und wenigem, was man neu entdecken kann. Einige Songs kann man irgendwann sowieso nicht mehr hören, weil sie mindestens 2 mal in der Stunde laufen. In Rotation.

Was man sicher auch bemängeln darf, ist der Umstand, dass selbst, wenn sich diese Sender nur auf die massentauglichen Bands, vorrangig aus den Siebzigern und Achtzigern konzentrieren, auch an dieser Stelle nur den jeweils erfolgreichsten Hit spielen. Immer und immer wieder. Die anderen 5-20 Hits, die diese Bands dann vielleicht hatten, existieren nicht mehr. Musik kleiner und weniger bekannter Künstler und Label findet gar nicht erst statt. Das ist traurig und zugleich ein Armutszeugnis für diesen Teil der Unterhaltungsindustrie.