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Vorab: Bei folgendem Artikel war ich mir nicht sicher, in welcher Form ich ihn schreiben, oder veröffentlichen werde. Das Thema beschäftigt mich. Auch heute noch. Die ursprüngliche Fassung hatte ich in den Aufzeichnungen zum Musical verfasst. Später war mir klar, dass diese keinen Bezug dazu hatte und schob es beiseite. Wenn ich über die Zeit der DDR spreche, dann zeichne ich ein sehr persönliches Bild meiner Erfahrungen und Eindrücke jener Zeit. Und dieses Bild ist mit sehr vielen positiven Attributen verbunden. Nicht, wie mir bereits vorgeworfen wurde, weil ich etwas verkläre oder schönrede, sondern weil ich wahrscheinlich viel Glück hatte. Mit meinem Umfeld, meiner Erziehung, den Jahren, in denen ich aufwuchs und den verbundenen Erlebnissen.

Die DDR

Es ist Oktober 2007. Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen. Erst meinen zwanzigsten Geburtstag feierte ich in einem neuen, in einem vereinten Deutschland. War dies wirklich ein neues Land, in dem ich nun lebte, oder sind alte Strukturen mit anderen alten Strukturen abgelöst worden? Diese Frage kann ich mir bis heute nicht beantworten. In den letzten Tagen beschäftigt mich dieses Thema einmal wieder, da vor kurzem der „Tag der Einheit“ gefeiert wurde. Filme, Diskussionsrunden und Dokumentationen über die DDR liefen vor und nach dem Feiertag auf den verschiedenstenen Kanälen hoch und runter. Da mich dieses Thema interessiert, schaue ich mir das eine oder andere davon an und denke an meine eigenen Erlebnisse zurück.

Was war die DDR für mich? War es tatsächlich dieser Unrechtsstaat, der Stasi-Staat oder dieses diktatorische System, von dem heute alle sprechen, oder sah ich dieses Land aus einem anderen Blickwinkel? Zunächst: Es war meine Heimat. Nicht nur rückblickend und über 20 Jahre nach dem Mauerfall war mir bewusst, dass es in diesem Land Ungerechtigkeiten und diktatorische Züge gab. Diese Erkenntnis hatte ich bereits als Jugendlicher. Nur hat es für mich zu dieser Zeit nie eine große Rolle gespielt. Ich hatte keine Kontakte in die im Untergrund agierende Opposition und ich kannte nur wenige, die dieses Land verlassen wollten. Auch habe ich bis heute nur wenige kennengelernt, die aufgrund ihres Auftretens und ihrer Äußerungen von den DDR-Behörden verfolgt wurden. Habe ich deswegen eine zu naive Beziehung zu meinem Geburtsland aufgebaut und waren 19 Jahre zu kurz, um um zu verstehen, was um mich herum passierte? Sicherlich nicht. Mir fehlten, wie auch einem Großteil meiner Generation schlichtweg die Erfahrungen, die andere Bürger dieses Landes in den 50er bis 70er Jahren, beziehungsweise nach dem Mauerbau durchlebt haben.

Ich setzte mich sehr frühzeitig mit diesem und dem anderen Teil Deutschlands auseinander. Ich war zwölf oder dreizehn, als ich mich bewusst mit der Politik und den Strukturen dieser beiden Staaten beschäftigte. Ein Teil meiner Familie lebte in Amerika, in der Bundesrepublik und in West-Berlin. Zudem lernte ich als Heranwachsener viele andere junge Menschen aus dem anderen Teil Deutschlands und West-Berlins kennen. Das war für mich eine Grundlage, eine Menge mehr zu erfahren, als es uns gelehrt wurde. Und damit auch, welche Bereiche ich kritischer hinterfragen musste, um mir ein wahres Bild zu machen. Von beiden Seiten.

Auf meiner Seite, der DDR, lebte der engste Familienkreis. Meine Schule war ein guter Ausgangspunkt, um politische Themen diskutieren zu können. Nicht nur mit den Klassenkameraden, sondern auch mit der Lehrerschaft. Man konnte hier die Kritik anbringen, die anderenorts Probleme verursacht hätten. Das war allen bewusst. Viele meiner Lehrer waren glücklicherweise, was die Politik anging, neutral in ihrer Bewertung oder empfanden wie wir. Das erlebten, denke ich, nicht viele ehemalige DDR-Schüler. Jedem war klar, dass man bei kritischen Äußerungen gegen den Staat DDR mit einem Bein im Jugendwerkhof stand, bzw unsere Eltern im Stasi-Gefängnis, da wir noch nicht volljährig waren. Aber diese Sorge mussten wir in diesem Umfeld nicht fürchten. Die ausschließlich ideologische und sozialistische Erziehung, wie es heute immer dargestellt wird, fand in diesem Ausmaß in meinem Umkreis nicht statt.

Der Konfrontation mit dem Sozialismus und seiner ideologischen Propaganda konnte man nicht nicht entgehen. Man war viel zu sehr seit Kindesfüßen mit diesem System verbunden. Ob es die Floskeln waren, die man überall las oder hörte, die politischen Wandzeitungen, der obligatorische Beitritt in die Jugendorganisationen oder die politische Motivation einiger weniger, dich für dieses System zu begeistern. All das war vorhanden. Die Frage, die sich hier für jeden stellte war, wie man damit umging und dies bewertete. Erst Jahre später erfuhr ich, dass nur zwei Lehrkräfte meiner Schule Mitglieder der SED waren. Meine Physiklehrerin, die von ihren eigenen Kollegen zum Teil gemieden wurde und unser Direktor. Die eine aus Überzeugung, der andere, weil es von ihm erwartet wurde, um diesen Job auszuüben. Daraus machte er auch innerhalb seines Unterrichts keinen Hehl. Wir durften einige kritische Auseinandersetzungen in der Schule erleben, die keinerlei Konsequenzen mit sich zogen. Das hat mich freier und aufgeschlossener für diese Themen gemacht, als es sich die damalige Rentner-Staatsführung gewünscht hätte. Gleichfalls trug meine Erziehung dazu bei. Ich lernte schnell, das man nicht alles glauben sollte, was einem vorgesetzt wird. Das Gefühl dafür habe ich mir bis heute bewahrt, so dass ich mir in vielen Bereichen meines Lebens Fehler und Ärger ersparte.

Aber zurück zum Thema. Ein Zitat aus dem Film „Sonnenallee“ beschreibt in etwa, was ich damals empfand. Sinngemäß lautete es: „...es war die schönste Zeit meines Lebens, ich war jung und ich war verliebt...“. Gut, die Sache mit dem Verliebtsein änderte sich ständig, aber der Rest war die Darstellung, die ich teilte. In der DDR lebten meine Familie, meine Freunde und es war meine Heimat. Ich war frei und fühlte mich weder eingeschlossen, bevormundet, noch eingeschränkt. Ich habe viele wunderbare Jahre genießen dürfen, die heute schon allein aus finanziellen Gründen einigen verschlossen bleibt. Konzerte, Opernaufführungen, unzählige Theaterbesuche, Museen, Kino... Aber auch die jährlichen Reisen, Ferienlager und Ausflüge! Alles war bezahlbar und prägte einen. Zudem wuchs ich am Stadtrand, in einem Haus mit großem Garten auf. Freiheit, die ich liebte.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, diesem Land den Rücken zu kehren. Ich konnte mich nach meinen Wünschen entwickeln und weiß, dass ich im Gegensatz zu den älteren Semestern, vieles von dem, was mich umgab, als völlig normal ansah. Wie wahrscheinlich ein ganzer Teil meiner Generation auch. All das war da: Die Mauer, die Stasi, die alten Herren der Staatsführung, die Plan- bzw. Mangelwirtschaft, der deutsch-deutsche Konflikt, das politische System und die eingefahrenen Strukturen. Dinge, die mich begleiteten und mit denen ich aufwuchs. Wobei ich einschränken muss, dass ich in Berlin groß geworden bin, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse im Gegensatz zum Rest der Republik ein wenig besser gestellt waren. Ich vermisste nicht viel, was ich nicht bekam und nicht kannte.

Heute stelle ich mir vor, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte es nicht diesen Zusammenschluss beider Staaten gegeben. Wäre ich in die Verlegenheit gekommen, darüber nachzudenken, ein Musical zu schreiben? Musik selbst darzubieten, war zu DDR-Zeiten einfacher und ertragreicher. Man benötigte als „Nicht-Studierter“ ausschließlich eine sogenannte „Einstufung“. Um diese Arbeits- beziehungsweise Spielerlaubnis zu erhalten, führte man in einem offiziellen Rahmen vor ausgewählten Profis und offiziellen Vertretern des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR eine 20-minütige Darbietung auf. In dem Dokument, welches man erhielt, waren dann die auszuübenden Musikfähigkeiten vermerkt und das Arbeitsstundenentgeld, dass man einfordern durfte. Wobei letzteres keinen interessierte. Gagen wurden in einer völlig anderen Dimension ausgehandelt und Unterhaltungsmusiker wurden ständig gesucht. Somit hatte man als Künstler ein ordentliches Nebeneinkommen, wenn auch nur als Hobby-Musiker. Mir ging es gut und meine Zukunft war geplant.

Ursprünglich war mein Berufswunsch ein anderer. Ich hatte mich auf einer Schauspielschule beworben und eine Aufnahmeprüfung bestanden. Die Musik sollte Hobby bleiben und ab und zu ein wenig Taschengeld einspielen. Da man aber nach der Schulausbildung ohne Abitur nicht ohne weiteres das Schauspielstudium aufnehmen durfte, gab es laut Aussage der damalig Verantwortlichen nur zwei Möglichkeiten: drei Jahre zur Armee, oder eine ordentliche Berufsausbildung. Ich entschied mich für letzteres, da diese Ausbildung nur zwei Jahre dauerte.

Die Kultur in der DDR wurde gefördert. Im Gegensatz zu heute, waren Theater und Konzerte größtenteils subventioniert und für jeden bezahlbar. Jeder Künstler der auftrat, bekam seine Gage. Nicht wie heute, wo einige Veranstalter und Wirte erwarten, dass man das Publikum selbst mitbringt oder der Musiker nach dem Bierumsatz entlohnt wird. Nach der Wende wurden die Stimmen laut, weshalb so vieles, unter anderem die Kultur in der DDR, übermäßig subventioniert wurden. Warum nicht? Kultur und Kunst halte ich für überaus wichtig. Wo wären wir, wenn wir diese Möglichkeiten der Ablenkung nicht vorfinden würden? Das Leben wäre trist! Wenn ich mich heute umschaue, sieht es nicht anders aus. Irgendwas wird irgendwie immer subventioniert. Nur heute gehen diese Zuwendungen eher an die Wirtschaft.

Ich sammelte auch negative Erfahrungen mit dem System der DDR. Sei es der Fakt, dass man einen Freund von mir und mich für einige Stunden willkürlich auf einer Polizeiwache festhielt, mit der Unterstellung, dass wir einen Grenzübertritt planten, oder die Situation als David Bowie 1988 vor dem Reichstag hinter der Mauer spielte, wie auch die Eurythmics einen Tag später. Dieses Ereignis zog einige Fans aus dem Osten Berlins an. Meinen Schulfreund und Musikerkollegen, einen weiteren Schulkameraden und mich ebenfalls. Wir postierten uns nicht weit vom Brandenburger Tor, um Spaß zu haben. Es ging ausschließlich um Musik, sagten wir uns. Nach dem Beginn des Konzertes gesellten sich einige Polizisten dazu, die das Ganze zunächst aus der Entfernung betrachteten und augenscheinlich eine Gefahr in dieser Menschenmenge sahen. Nach und nach wurde die Polizistenmenge aufgestockt, bis hin zur Anforderung größerer Mannschaftswagen. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Volkspolizisten in Kampfausrüstung. Bisher bekam ich solche Bilder nur in der Tagesschau oder den heute-Nachrichten zu sehen. Aber das hier waren keine Demos tief im Westen oder Krawalle in Kreuzberg, sondern das war mitten in der DDR! Mir war überhaupt nicht klar, dass Schutzhelm, Knüppel und Schilde auch bei uns gängig waren. Mir wurde mulmig. Wir verharrten noch eine Weile, bis die Polizeikräfte auf die Idee kamen, die Zuhörer in mehreren Ringen einzukesseln. Da bekam ich, wie andere auch Angst und wir verließen den Schauplatz. Am nächsten Tag ließen wir unser Vorhaben sein, die Eurythmics anzuhören. Zum Glück für uns, denn die Staatsmacht bewies an diesem Tag ihre Kraft und setzte Schlagstöcke gegen die Musikliebhaber ein. Einige der Anwesenden wurden zudem festgenommen. Ein Klassenkamerad von uns wusste seit diesem Tag, wie die Stasi-/Polizei-Einrichtung in der Keibelstraße im Stadtbezirk Mitte von innen aussah. Selbst wenn es uns an diesen Tagen nicht einleuchtete, warum unsere Polizei solche drastischen Maßnahmen ergriff, war ein Fakt ganz klar: Wir standen an der Mauer, der Staatsgrenze! Jedem, aber auch jedem DDR-Bürger war klar, welche Konsequenzen drohen konnten, sich dieser Grenze zu nähern. Ich schätze, dass bei einigen Verantwortlichen an diesen Tagen die Alarmglocken läuteten, als sich wirklich große Menschenmassen vor ihrem „Schutzwall“ versammelten.

Wenn ich an die sogenannte Wendezeit denke, kommt hin und wieder auch ein mulmiges Gefühl auf. Freunde und ich waren seit Oktober 1989 regelmäßig zu Gast in der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg, in der die Oppositionsbewegung und Bürgerrechtsbewegungen in Berlin umfangreich zu aktuellen Themen Stellung bezog. Von hier starteten unter anderem dann auch in Berlin die Montagsdemonstrationen. Polizei und Herren der Staatssicherheit waren an diesem Ort gegenwärtig. Diese Erlebnisse lassen mir auch heute noch einen Schauer über den Rücken laufen. Man wusste schließlich nicht, welche Konsequenzen aus solchen Veranstaltungen folgen könnten. Mir ging es persönlich bei diesen Besuchen nicht um Abschaffung der DDR. Mir ging es vorrangig um mehr Informationen zu diesem Staat und seiner Herrscher.

Was immer andere denken. Mir ging es in der DDR, wie auch heute in einem vereinten Deutschland gut. Keines dieser beiden Systeme hat nachhaltig mein Leben zum Schlechten verändert.

Wer zu unrecht verfolgt oder bespitzelt wurde, der wird mir eine andere Sichtweise auf diesen Staat erläutern. Aber auch hier zeige ich Interesse, ihm zuzuhören und bin froh, so etwas selbst nicht erlebt zu haben.

Auch wenn Einiges in der DDR nicht möglich war, haben die Menschen um mich herum immer das Beste daraus gemacht. Man hat improvisiert, weil wenig da war, man bildete Gemeinschaften, um sich gegenseitig zu unterstützen und jeder kannte jeden. Wenn auch über drei Ecken. Kontakte und Beziehungen gehörten zum alltäglichen Leben und wäre ohne nicht möglich gewesen. Abschottung konnte sich kaum jemand leisten.

Viele Fakten und Hintergründe, die nach der Wende der Öffentlichkeit preis gegeben wurden, haben mich nicht überrascht. Daher verstehe ich bis heute nicht, wie manche Mitbürger in jener Zeit reagierten und äußerst erstaunt waren. Vieles war offensichtlich und der Buschfunk funktionierte zu DDR-Zeiten auch ganz prächtig. Man musste schon blind und taub sein, wahrscheinlich auch eine gehörige Portion Ignoranz aufbringen, um vieles nicht zu sehen. Den Verfall, das spärliche Angebot und den schleichenden fortschreitenden Niedergang.

Aus meiner Schauspielausbildung wurde leider nichts, da die Verantwortlichen der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ nach der Wende davon ausgingen, „abgewickelt“ zu werden, wie es so schön hieß. Ich sollte zunächst abwarten. Somit blieb ich vorerst bei meinem Beruf und konzentrierte mich auf die Musik. Dabei blieb es. Ich habe in den letzten Jahren viele Dinge, die mir zu DDR-Zeiten verwehrt waren unternommen, die Welt gesehen und schöne Dinge gekauft, die zu jener Epoche unerreichbar waren. Aber wie schon beschrieben, ich habe sie damals weder vermisst, selten ersehnt und denke heute ab und zu daran, wie es war.