Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

...nimmt das Wichtige für unwichtig und das Unwichtige für wichtig - Lü Buwei

Was ist Gold wert? Was ein Auto, ein Haus, eine Briefmarkensammlung? Was würde der geneigte Leser für eine Erstausgabe eines Batman-Comic-Heftes bezahlen? Oder für ein signiertes Beatles Album? Abgesehen vom rein materiellen Wert, spielen in der Betrachtung aufgeführter Beispiele ideelle Wertvorstellungen eine Rolle, wie auch Herkunft, Zustand, Bau- oder Erscheinungsjahr, sowie der Seltenheitswert der Objekte. Gebrauchsgut, oder Sammlerstück? Angebot und Nachfrage! Am Ende wird man einen „wahren“ Wert selten ermitteln können. Sofern Verkäufer und Käufer sich jedoch handelseinig werden, wird am Ende ein in Zahlen erfasster Preis ausgehandelt, der beide Seiten glücklich macht. Über oder unter Sachwert ist dabei völlig egal und liegt im Auge des Betrachters. Wenn wir das Wort Wert hören, sprechen wir oft von einer materiellen Bedeutung oder von gesellschaftlichen Normen. Dabei legt jeder von uns unterschiedliche Messlatten oder Beurteilungen an, um den für sich richtigen Wert zu ermitteln.

Für materielle Sachwerte, Sammlerwerte, Ideelle Werte, sowie für gesellschaftliche Werte existiert ein weit gestreutes Verständnis. Auch, wenn man einiges davon nicht teilt, hat man eine Vorstellung davon. Anders sieht es aus im Umgang mit schöpferischen, beziehungsweise kulturellen Gütern. Mein Thema heute grenzt es nochmals ein. Es geht um die virtuellen Güter, im Besonderen um die Musik. Jeder will sie, fast jeder braucht und nutzt sie und würde sie fehlen, verlöre man Lebensqualität. Welchen Stellenwert Musik im Leben jedes Einzelnen hat, wird unterschiedlich sein. Dass er auf sie verzichten würde, schließe ich, bis auf wenige Ausnahmen, aus. Was wäre ein Film, ein Theaterstück, ein geselliger Abend oder ein trister einsamer Nachmittag ohne sie? Mehr als öde!

Welche Wertschätzung Musik in der breiten Öffentlichkeit genießt und was jeder Einzelne bereit ist, dafür zu geben, darüber denken die wenigsten nach. Denn das Problem ist: Sie ist in den Augen des Konsumenten ein Selbstverständnis. Immer und überall verfügbar und in vielen Fällen „gratis“. Ich schalte das Radio an, den Fernseher, gehe auf ein Straßenfest, in die Disco, zum Einkaufen, schaue ins Internet – und werde beschallt oder unterhalten. Gewollt oder ungewollt. Selbst als Musikliebhaber mit speziellen Wünschen, komme ich heutzutage auf meine Kosten. In der Kneipe für´n Fünfer Livemusik oder gratis, zu Hause über einen Streamingdienst, für 3 bis 10 € im Monat – alles was ich will, inflationär! Wem selbst das zu teuer ist, für den gibt es im Internet immer Mittel und Wege, um seine gigabytegroße Musikdatenbank mit weiteren Alben seiner Wahl aufzufüllen. Dank MP3, oder anderer Komprimierungstechniken und der Weiterentwicklung der Speichermedien ist es schließlich kein Problem mehr, sieben bis achttausend Songs auf einem 32GB Stick unterzubringen. Auch der Austausch von Musik, das sogenannte Filesharing, geht gegenwärtig weit schneller, als noch vor ein paar Jahrzehnten. Ja, auch ich habe Filesharing betrieben. In den 80ern funktionierte das bedeutend zeitaufwendiger. Man musste zu einem Freund fahren und ließ sich eine gewünschte Schallplatte in Echtzeit auf eine Audiokassette überspielen. Wenn man Glück hatte, war die Zeit für eine zweite Scheibe auch vorhanden, sofern man Interesse hatte. Später, im Computerzeitalter, kopierte man dann CD´s auf ein brennbares Medium. Auch das dauerte. Heutzutage überträgt man ganze Lebenswerke eines Künstlers innerhalb weniger Sekunden und tauscht MP3s aus.

Ich habe nichts gegen Filesharing oder Musikstreaming. Auch meine letzte, eigene CD ist seit Jahren bei sämtlichen Streaminganbietern erhältlich. Dass es sich für mich finanziell nicht lohnt, auch wenn tausende Streams meiner Musik abgerufen werden, ist Firmenpolitik der Anbieter und nicht zu ändern. Ich sehe diese Dienstleistungen, ob nun legal, oder illegal, immer noch als legitimes Werbemittel. Wenn man so will, als klassisches Vorhören. Ich persönlich möchte am Ende auch nicht die Katze im Sack kaufen. Und ja: Ich kaufe tatsächlich Musik. Selten im komprimierten Format, sondern eher klassisch auf CD oder Vinyl. Ich, als Konsument, bin von der alten Sorte. Ich möchte etwas zum Anfassen. Nicht nur allein das Produkt ist mir wichtig, sondern auch das Cover oder ein Booklet. Streamingdienste nutze ich nicht, da ich keinen Mehrwert daraus ziehen kann. Natürlich nutze ich auch virtuelle Formate. Vor allem bei Hörbüchern. Aber auch eine anständige MP3-Sammlung meiner angeschafften Tonträger fehlt nicht, da sie sich als äußerst praktisch erweist, wenn man auf Reisen oder nur so unterwegs ist.

Dieses Denk- und Kaufverhalten teile ich heutzutage noch mit vielen anderen Musikliebhabern. Ich stelle jedoch mehr und mehr fest, dass nachfolgende Generationen nicht mehr so handeln. Und genau das spiegelt sich in den Verkaufszahlen von Musiktonträgern nieder. Man gewinnt den Eindruck, die Musik eines Künstlers der jüngeren Musikergarde sei der Soundtrack für dessen Merchandising-Produkte. Parfums, Kleidung, Bildbände, Elektronikgeräte, Schmuck, Taschen, und was immer man verwerten kann, an jeder Ecke. Genauso wenig ist Musik eine Promotion, um ein Gesicht zum Promi mutieren zu lassen, sondern die eigentliche Ware! Das scheinen einige Vertreter der Medien vergessen zu haben. Was hier vermittelt wird, hat mit dem eigentlichen Berufsbild des Musikers selten etwas zu tun. Was nutzen all die vielen nebensächlichen Informationen über einen Künstler, wenn am Ende kaum ein Wort über sein eigentliches Schaffen fällt? All dies würde mich wahrscheinlich nicht sonderlich interessieren, wenn ich allein Konsument wäre. Ob der Hintern einer Sängerin nun besonders groß ist, welchen Beziehungsstatus sie hat, oder welche Eskapaden sie sich geleistet hat, bleiben nunmal nur Informationen, um die Boulevardpresse zu befriedigen. Ich würde kaum darüber nachdenken. Jedoch bin ich auf der anderen Seite selbst Künstler und sehe einigen Entwicklungen kritisch entgegen.

Heute muss man Idealist, mit einem äußerst großen, optimistischem Selbstvertrauen sein, um die Berufswahl auf den des Musikers zu legen. Oder absolut Spitzenklasse und Meister auf seinem Instrument. Beides ist natürlich kein Garant dafür, auch erfolgreich zu sein. Wie bei vielen anderen gutbezahlten Jobs, ist es Glückssache, an die 1% Bestverdiener-Spitze zu rücken, wenn man zudem zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und die die richtigen Leute kennengelernt hat, oder zumindest auf sich aufmerksam machen konnte. Hier greift das Lottoprinzip. Die restlichen 99 % schlagen sich durch. Wer sich von diesen noch glücklich schätzen kann, sind die, die bei einem populärem Orchester, oder einer gut gebuchten Unterhaltungsband untergekommen sind. Aber auch das betrifft nur einen minimalen Teil. Und von Dauer sind solche Engagements sowieso nicht.

Wie verdient ein Musiker Geld? Dieser Frage gehen vorrangig Musiker auf den Grund. Die Allgemeinheit geht davon aus, dass es sich leicht beantworten ließe: mit Live-Auftritten und dem Verkauf von Tonträgern und Merchandising. Die Realität ist: mit Zweit- oder Drittjobs. Und hier komme ich wieder zurück zur Wertschätzung. Was bin ich als Künstler, als Musikschaffender wert? Was ist meine Musik, die ich an- und darbiete wert? Wenn man nach potentiellen Veranstaltern geht: Kaum etwas, bis Nichts. Ein gutes und lustiges Beispiel, ob nun real oder ausgedacht, habe ich vor einiger Zeit bei Facebook gelesen:

Anfrage: Wir sind ein kleines Restaurant und suchen Musiker, die gelegentlich bei uns musizieren, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Sache gut funktioniert und die Musik bei unseren Gästen gut ankommt, könnten wir an den Wochenenden auch Tanzveranstaltungen machen. Sollten Sie also daran interessiert sein, Ihre Musik bekannt zu machen, melden Sie sich bitte bei uns.

So, oder so ähnlich, sehen viele reale Angebote aus. Selten ist man bereit, etwas zu zahlen. Einen prozentualen Satz aus dem Bierverkauf vielleicht, oder gar 20,00 – 30,00 Euro. Ausnahmen bilden hier nur die Musikschaffenden, die bereits einen gewissen Grad an Bekanntheit auf- und somit auch das eigene Publikum mitbringen. Die Antwort, laut Facebookeintrag:

Antwort: Wir sind Musiker und wohnen in einem ziemlich großen Haus. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Bezahlen können wir nichts, aber wenn die Sache gut funktioniert und das Essen schmeckt, dann könnten wir das regelmäßig machen. Es wäre bestimmt eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Bitte, melden Sie sich bei uns.

Das zeigt zwar, dass Musiker Humor haben, mit dieser Situation umzugehen, aber auch gleichzeitig, wie das Kulturverständnis und die Wertschätzung für Musik auf einen Tiefpunkt gesunken ist. Über den Umgang mit Live-Musik hinaus, gibt es natürlich auch andere Bereiche, wo Ähnliches stattfindet. Der Filmbereich wäre ein gutes Beispiel. Im Besonderen, der Independant-Bereich mit seinen vielen No- und Low-Budget Produktionen. Bei den Vorstellungen einiger Macher solcher Filme, zweifelt man stark an deren Realitätsempfinden. Da ich nicht nur Musiker bin, sondern auch Komponist, kommt man in´s Grübeln, ob es reizvoll sein könnte, die Musik mit anderen künstlerischen Genres zu vereinen. Somit bot ich meine Dienste an. Abgesehen von wenigen ernsthaften Angeboten, war der Großteil nicht bereit, etwas zu zahlen. Soweit, so gut. Wenn man fragte, was man sich hier vorstelle, dann hörte man etwas von "großen Orchesterwerken", ähnlich wie Hans Zimmer, Jerry Goldsmith oder James Horner - richtig fett, richtig Gänsehaut... Selbst wenn man tatsächlich so etwas umsetzen wollte, was Monate dauert, was bekomme ich dafür? Die Antworten waren ähnlich: Man stehe schließlich im Abspann. Das wäre doch Werbung. Toll! Und dann? Was, wenn Euren Film keiner schaut? Die Anfrage umgekehrt, ob man bereit sei, Musikvideos für mich zu drehen, für die ich nichts zahle, lehnte man ab. Man habe ja schließlich Kosten.

Man kann Musik im Allgemeinen mit jeder Branche vergleichen, die etwas herstellt. Denn nicht nur der reine Schaffensprozess, sondern auch der Weg zu einem ordentlichen Produkt kostet Zeit und Geld. Aber nur, weil dieser durch Unkenntnis der meisten Musiknutzer nicht ersichtlich ist, heißt es nicht, dass er wertlos ist. Wenn mir persönlich etwas gefällt und ich es nutze, bin ich gern bereit, dafür zu zahlen. Auch, wenn es nur virtuelle Werte, wie Software, Filme, Bücher und Musik sind. Denn im Umkehrschluß nutzt es keinem der Erschaffer, wenn sein Produkt zwar populär und millionenfach verbreitet wurde, er aber aus Kostengründen keinerlei Möglichkeit mehr hat, weiter zu machen. Streamingsdienste sind toll, solange sie als Orientierungshilfe dienen. MP3´s sind eine Bereicherung der technischen Möglichkeiten, sofern sie nicht nur ausgetauscht und weitergereicht werden, sondern auch gekauft. Konzerte sind keine Musikuntermalung für´s Bier ausschenken, sondern Kultur. Und allein vom Applaus kann der Künstler nicht leben. 

Wie man es dreht und wendet. Wenn sich in den Köpfen der Menschen nichts ändert, dann bleibt eines Tages der Idealismus und Optimismus von Musikern auf der Strecke. Jeder wird sich dann überlegen, ob er tatsächlich in eine Zukunft investiert, die grundsätzlich brotlos bleiben wird. Noch sind wir nicht soweit, aber der Weg dahin zeichnet sich ab. Wenn kommende Generationen kaum noch gewillt sind, für Musik selbst und eine alternative Musikszene Geld auszugeben, bleibt am Ende nur ein vorgegebener Mainstreams aus gecasteten "Superstars", "Supertalenten" oder singenden Disney- und Youtubestars übrig. Die gleichgeschaltete Eintönigkeit der Radiosender und Fernsehstationen tut dann ihr Übriges.

Solange ich noch immer ein Fünkchen Hoffnung sehe, dass sich diese beschriebenen Situationen ändern können, solange werde ich guten Gewissens meine eigene Musik vorantreiben. Auch werde ich weiterhin Zeit und Geld für Equipment investieren, um gutes Material produzieren zu können. Dass ich persönlich kein Popstar mehr werde, war mir schon vor Jahren klar. Dass ich den Menschen etwas geben kann, daran zweifel ich nicht. Ich habe in all den Jahren des Musizierens fantastische Künstler kennengelernt, die weit mehr geben könnten, als ich. Künstler, die über vielem stehen, was man uns heute als Musik verkaufen will. Künstler mit Ideen, Visionen und wahre Meister ihrer Instrumente. Um die tut es mir vor allem leid, wenn ihnen nie die Chance gegeben wird, das auch zu zeigen.   

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Zum Seitenanfang