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NEU! ÜBERIRDISCH! FANTASTISCH! Die absolut neueste Hitsingle von … (bitte hier beliebigen Bandnamen / Künstlernamen einsetzen) ist ab sofort im Fachhandel erhältlich!

So, oder so ähnlich lese, höre oder sehe ich Werbeanzeigen tagtäglich. Im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten oder auf lästigen, schwer abziehbaren Aufklebern direkt auf der CD-Hülle wird mir in den meisten Fällen eine zweifache Lüge von der Werbeindustrie aufgetischt. Zum ersten gehört etwas mehr dazu, eine Single als Hit zu deklarieren, als dass sie einfach nur erhältlich ist und zum zweiten kann ich mich kaum mehr erinnern, einen Fachhandel in den letzten Jahren von innen gesehen zu haben.

Der Markt für Musik wird immer schneller, angepasster, austauschbarer und innovationsloser. Daher bedaure ich oft, das Radio oder Fernsehgerät eingeschaltet zu haben. Wobei es immer auch wenige Ausnahmen gibt. Doch die lassen sich an einer Hand abzählen. Unterstützt wird dann der Verkaufsakt nicht durch das künstlerische Auftreten, sondern durch Aktionen, die die Klatschpresse auf sich ziehen. Ein Skandälchen hier, ein peinlicher Auftritt da, Videos, die eher an Erotikfilmchen erinnern und der massive Rundumschlag in den dafür empfänglichen Medien. Hauptsache man ist im Gespräch, egal wie unterirdisch, schlecht und einfallslos ein Produkt klingt.

Fangen wir mit dem Fachhandel an. Das gute, alte Fachgeschäft für Tonträger, wo mir der Verkäufer gleich noch diverse andere Bands oder Künstler empfehlen konnte, die ähnlich oder hörenswert waren, wie die ursprüngliche Wahl meiner Schallplatte, gibt es kaum mehr. Ja, ich bemerke Befremden beim Lesen – genau: die Schallplatte! Für die Älteren brauche ich sicher nichts zu bemerken, für die jungen Leser: Die Langspielplatte war/ist ein kreisrunder platter Gegenstand aus Vinyl mit einem Durchmesser von zirka 30 cm. Ausgestattet mit einem Loch in der Mitte und einer spiralförmigen Rille, benutzte man dieses Objekt, um es auf einem Schallplattenspieler mechanisch mit einer Nadel abzutasten und ein Tonsignal mit Hilfe eines Verstärkers zu erzeugen. Die CD löste dieses Medium als physisches Medium in den 80ern ab. „Zieh mal die 5 Alben auf meinen Stick“ funktionierte mit dieser Art des Tonträgers nicht. Kopiert wurde, wenn überhaupt, in Echtzeit auf eine Magnetbandkassette…

Ich schweife ab! Wie gesagt: Den Fachhandel, der hier immer propagiert wird, gibt es nicht mehr. Heute finden sich Tonträger in irgendeiner Ecke, einer Abteilung, eines Regals, inmitten hunderter artfremder Artikel in Supermärkten, sogenannten Elektromärkten, in Bücherläden oder Kaufhäusern. Sozusagen zwischen der Wurst, der Kaffeemaschine oder der Kleidung. Fachpersonal findet sich kaum. Wenn man Glück hat, kann der Angestellte seinen Computer bedienen, um zu beurteilen, ob das gewünschte Album oder die Single vorhanden ist, oder erst bestellt werden müsste. Kleine Plattenläden sind vereinzelt zwar noch zu finden, aber eher als aussterbendes Gewerbe. So, wie Plattenlabel in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren, verfiel der Handel ihrer Ware in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine nicht unbedingt die Verkaufszahlen, sondern eher die Form des Verkaufs. Dazu beigetragen haben nicht nur allein die Umstände des technischen Fortschritts, oder die Radiosender unserer Republik, die mittlerweile völlig austauschbar belanglose Endlosschleifen Einheitsbrei in den Äther jagen, sondern den Respekt gegenüber der Kunst, der abhanden gekommen ist. Man wird überall beschallt, wie, wo und womit ist egal, ob es einem passt oder nicht. Auf der Straße, im Supermarkt, in vielen Geschäften, Kaufhäusern oder nur allein vom Nachbarn in öffentlichen Verkehrsmitteln über dessen MP3-Player. Die Computer der Gesellschaft füllen sich mit hunderten oder tausenden Musikstücken, die dann einfach nur abgedudelt werden. Streamingangebote und Schnäppchenpreise für Downloads tun ihr Übriges, um qualitätsgeminderte Beschallung darzubieten. Musik ist somit überall verfügbar und leider in vielen Fällen nur noch kurzweilige, austauschbare Untermalung für´s Leben. Schade eigentlich.

Ein Musikstück im Vorfeld zum Hit zu erklären, finde ich nicht nur lächerlich, sondern auch dreist. Vor allem, wenn es nicht einmal den Handel erreicht hat. Ich glaube, den meisten Werbern ist gar nicht klar, was dieses Wort bedeutet. Wie oft wurde mir seitens der Medien bereits erklärt, dass eine bestimmte CD, die es von nun an zu kaufen gibt, mit einem oder gleich mehreren Hits ausgestattet ist? Zu oft, würde ich sagen. Einen Großteil der Künstler kenne ich oft nicht, geschweige denn habe ich diese zitierte Hitsingle jemals irgendwo gehört. Jeder Depp, der mittlerweile sein Gesicht in irgendeine Fernsehkamera hängt, bei irgendeiner Castingshow mitmacht, oder bei der nächsten Möbelhauseröffnung etwas ins Mikro lallt, soll auf einmal einen Hit haben? Selbst bei gestandenen und bekannten Musikern bin ich mir manchmal nicht mehr sicher, ob ich das tatsächlich noch glauben kann! Ich meine mich zu erinnern, dass ein Hit zumindest in den Charts und den überproportionalen Verkaufszahlen auftauchen sollte. Und mal ehrlich: Ein Musikstück, dass vielleicht drei- oder fünftausend mal verkauft worden ist, deckt nicht einmal die Kosten eines Videoclips. Und schon gar nicht wird ein Song besser, je inflationärer er Hit genannt wird. Von vielen dieser Anpreisungen bleibt oft nur diese Werbung in den Köpfen hängen und nicht das Werk, um das es hier eigentlich gehen sollte.

Also liebe Werbeindustrie: Wenn ihr Euch das nächste Mal weit aus dem Fenster lehnen wollt, sagt Eurem Auftraggeber dem Medienkonzern bitte, dass er Qualität, Ideenreichtum und auch Anspruch liefern sollte, so dass sich Musikstücke verkaufen können. Es dürfen auch mal besondere und einzigartige Darbietungen darunter sein, die er unter die Leute bringt. Danach muss er zunächst beweisen, dass sich diese Songs auch verkaufen und eine breite Öffentlichkeit erreichen. Dann, aber erst dann, dürft Ihr ein Musikstück auch einen Hit nennen und das gesamte Werk so bewerben. Ansonsten macht Ihr Euch lächerlich und den Begriff unwirksam. Vielen Dank!