... und würde mich nicht als ein solcher bezeichnen. Ich bin eher ein Beobachter, oder Tagebuch-Schreiber. Im Gegensatz zu anderen künstlerischen Berufen, die mich faszinierten, wie der Schauspielerei, der Malerei oder der eines Musikschaffenden, hatte ich mich selten um das Schreiben bemüht. Ferner lag mir etwas daran, autobiografisches zu Papier zu bringen. Ich fühlte mich dafür zu jung und ungeeignet. Eine Großtante von mir, die vor Jahren starb, hätte dies tun sollen. In meiner Kindheit erzählte sie mir und der Familie stundenlang spannende Erlebnisse aus alten Zeiten, was uns fesselte. Familienmitglieder, die ich nie kennenlernte, wurden in diesen Erzählungen lebendig, so dass man das Gefühl bekam mit ihnen eine Ewigkeit verbracht zu haben. Einige Geschehnisse waren so detailliert, dass man in gewisser Weise selbst dabei war. Ewig konnte ich ihr zuhören, zunehmend verbunden mit der Bitte um mehr. Diese Geschichten hätten den Wert besessen, ein Buch zu schreiben. Aber meine Erlebnisse?

Wer träumte als Kind oder Jugendlicher nicht davon, ein Star zu sein? Wie viele andere meiner damaligen Altersklasse hatte ich mir das zu jener Zeit gewünscht. Einige der oben beschriebenen Tätigkeiten führte ich, eher amateurhaft, in meiner früheren Freizeit aus. Mal schlecht, mal recht. Mit optimistischem Blick auf eine schillernde und einträgliche Zukunft versuchte ich meinen Weg zu finden, eines Tages im Rampenlicht zu stehen. Einige selbst entworfene und gemalten Bilder meiner jugendlichen Einfalt fanden ihren Weg zu diversen Schulausstellungen. Bemustert und prämiert durfte ich ab und an Preise entgegennehmen. Jedes Mal, wenn Unterhaltung in meinem Umkreis, egal welcher Art gesucht wurde, trat man im Regelfall an mich heran. Ich war vielseitig und musizierte, zauberte, sang und versuchte mich im Bauchreden. Heute ist mir einiges davon peinlich. Und, Sie haben mich erwischt: wenn ich ehrlich bin, wollte ich ein klein wenig Autor sein. Ich startete vor Jahren einen dürftigen Versuch, mich darin beweisen zu müssen und begann eine Geschichte zu schreiben. Es sollte eine Art von Kriminalgeschichte werden. Aber im Laufe der Zeit, sprich – nach den ersten zehn Seiten, fehlte mir bereits das Einfühlungsvermögen und der nötige Einfallsreichtum fremde Realitäten und Fantasiefiguren zu erschaffen. Somit gab ich vorerst auf.

Im Hinblick meines Umfeldes gab es ständig Dinge, worüber ich hätte schreiben können. Jedoch hatte ich dieses Bedürfnis nicht. Private Dinge der breiten Masse preiszugeben fand ich unangemessen. Man schaue sich nur die überdimensionalen Auslagen in den verschiedenen Buchhandlungen und Supermärkten dieser Republik an. Will ich all diese Dinge wissen, die sich jeder drittklassige Pseudo-Promi aus den Fingern saugt, um einmal mehr in die Schlagzeilen zu kommen?

Diese Zeilen, die ich hier niederschreibe sind ein Zufallsprodukt. Mein Schreibstil ist ein einfacher und nicht ausgefeilter. Ich gebe gern zu, dass die folgenden Erlebnisse aus meinem privaten Umfeld stammen und in gewisser Weise autobiografisch sind. Jedoch sind es mehr Gedanken, Wünsche, Gefühle und die persönlichen Beschreibungen eines Prozesses, die mich beschäftigte und mir so manche schlaflose Nacht eingebracht haben. Es begann mit wenigen Notizen, die ich niederschrieb, um nicht zu vergessen. Diese handschriftlichen Aufzeichnungen wuchsen mit der Zeit auf mehr als 20 Din A4-Seiten heran, so dass ich sie eines Tages sortierte und in meinen PC eintippte. So brauche ich sie nur noch mit dem Voranschreiten der Zeit ergänzen. Betrachten Sie das ganze eher als Mitleser meines Tagebuches.

Wenn ich mich hier beschreiben müsste, würde ich ich sagen, dass ich ein durchschnittlicher Typ bin. Ein durchschnittlicher Typ, der ab und an nicht im normalen Durchschnitt liegen wollte. Ich kann unscheinbar sein, wenn ich das will. Tue jedoch einiges, dass es nicht den Anschein hat. Das war seit meiner frühesten Jugend so. Bereits im zarten Alter von 8 Jahren tat ich mir und meinen Mitschülern regelmäßig einen Gefallen und bot an, in einigen Unterrichtsstunden meine Klavierkünste zum Besten zu geben. Meine Beliebtheit in der Klasse und in der Schule stieg und meinen Klassenkameraden wurde auf unterhaltsame Art und Weise der Unterricht verkürzt. Mit 13 Jahren wollte ich mich von der breiten Masse abheben und trug meinen ersten Ohrring und einen angemessenen Haarschnitt der gängigen Pop-Kultur. Das war zu dieser Zeit und diesem Alter kein gewöhnlicher Anblick. In meinem Umfeld kamen andere Vermutungen auf, die das ein oder andere Familienmitglied nachdenklich stimmte. Außerdem färbte ich mir meine Haare platinblond. Ich wollte in gewisser Weise Künstler sein, auffallen und diese Lebenseinstellung nach außen tragen. Ein Banker bin ich geworden, obwohl man es mir, noch heute, auf den ersten Blick nicht ansehen würde. Seit mehr als 18 Jahren arbeite ich in diesem Wirtschaftszweig. Ich korrigiere mich: Teilzeitbanker bin ich und Künstler. Mein gewählter Beruf war Zufall. Das Künstlersein Berufung.

Ein Glück, denke ich, dass ich in diesen Tagen von der künstlerischen Arbeit nicht leben muss. Obwohl ich es mir vorgenommen hatte. Ich sehe Freunde von mir, die zu diesen schlechten Zeiten der Kunst mehr überleben, als Geld verdienen. Die nicht üppige wirtschaftliche Situation in unserem Lande vor einigen Jahren trug dazu bei, dass zuerst Künstler diese spürten. Lange bevor dies gleichermaßen der Normalbürger bemerkte. Jetzt, da Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen nicht mehr so viel klagen, die Arbeitslosigkeit anscheinend sinkt und manch einer wieder gutes Geld verdient, sieht die Lage für die Künstler jedoch keineswegs besser aus. Um Jobs zu bekommen und nicht von Hartz IV leben zu müssen, verkaufen sich viele von ihnen weit unter ihrem Wert. Man kann es ihnen nicht einmal verdenken. Dadurch ist hingegen der Wert der künstlerischen Tätigkeiten ebenso gesunken, die manch ein Wirt zum Beispiel für Musiker noch aufbringen möchte. Man hat ja irgendwo noch ein Radio oder CD-Spieler herumstehen...

Vor mehr als 20 Jahren hatte ich als Musiker, treffender gesagt als Unterhaltungsmusiker ein gutes Taschengeld verdient. Im Alter von sieben Jahren begann ich, das Klavierspiel zu erlernen. Mein Großvater, ein Berufsmusiker, brachte mir die ersten Stücke bei. Zeitweilig besuchte ich dann eine Musikschule. In zwei Anläufen, mit Unterbrechung und meiner Faulheit für Übungen, begann ich in den Folgejahren mit dem Klavierunterricht. Ich bemerkte schnell, dass mir klassische Stücke von Mozart, Bach oder Dvořák nicht lagen, obwohl ich diese Art von Musik durchaus mag. Ich wollte die breite Masse unterhalten, nicht langweilen. Seit meinem 10. Lebensjahr stehe ich regelmäßig auf der Bühne. Zuerst in einem Kindertheater, später als Instrumentalist und Sänger. Meine Erfolge waren mäßig. Auf Familienfesten, in lokalen Kulturhäusern und auf anderen Bühnen ein Instrument zu spielen, macht zwar Spaß, aber im Grunde bin ich nicht dazu geboren, die „Rampensau“ zu geben. Das habe ich mit der Zeit gelernt. Es war vermutlich nur ein Wunsch von mir. Für entsprechende Veranstaltungen wurde man gebucht, weil man „nett“ und durchaus günstig war. Nicht, weil man einen Musiker engagierte, der durch seinen Namen und seiner Virtuosität die Säle füllte. Mein Lampenfieber hatte mich oftmals so weit gebracht, dass ich kaum einen Satz frei vor einem Publikum zustande brachte. Außer, er war einstudiert. Das ist bis heute so geblieben. Eine Bekannte von uns hatte dagegen ständig ein gutes „Hausmittel“ in Form eines Flachmannes dabei, inhaltlich mit Hochprozentigem gefüllt. Unsere kleine Band begleitete einige Jahre einen Kinderchor. Wir waren gerade erst 14 bzw. 15 Jahre alt und vor jedem Auftritt angespannt. Da diese Konzerte wiederholt in einem großen Rahmen stattfanden, war proportional der Grad unserer Aufgeregtheit immens. Unsere Bekannte war die Chorleiterin und ließ es sich nicht nehmen uns ebenfalls vor der Veranstaltung ihr „Beruhigungsmittel“ zu verabreichen. Ich nehme an, wenn diese Engagements weiterhin in aller Regelmäßigkeit stattgefunden hätten, wäre ich heute Alkoholiker.

Nach mehr als 6-7 Jahren Unterhaltungsmusik und zahllosen anderen künstlerischen Verpflichtungen trieb mich eine Kraft an, eigene Musik zu schreiben, bzw. zu komponieren und darzubieten. Ich entwickelte mit einigen Schulfreunden recht eigenwillige Songs. Anfangs plump, beschrieben wir was passiert „...wenn der Schrank umfällt...“, dass „...mein Name Alfred...“ wär oder die Empfindungen, wenn man im „Koma“ läge. Wir suchten in unseren Liedtexten nach Sternen oder warnten vor dem Drogenmissbrauch, was jedoch nicht allzu ernst genommen werden konnte. Später, als wir dann bedeutungsvollere Themen oder Gefühle unserer jugendlichen Naivität beschrieben und umsetzten, traten wir mehrmals live auf und bespielten zwei Langspielplatten. Anfangs mit unterschiedlicher Besetzung. Meine Band, die sich in den 90er Jahren zusammenfand, gibt es nicht mehr. Den Namen des Projektes, den ich mittlerweile als Pseudonym verwende und mich als Künstler, schon. Und das wird, so hoffe ich, bleiben.

In all der Zeit habe ich es bedauerlicher Weise nie fertig gebracht, mir das Notenlesen beizubringen. Obwohl ich Musikschulen und Privatlehrer besuchte, hatte ich das „Problem“, mir Musiklinien zu schnell merken zu können. Der Nachteil war, dass ich kaum mehr die Notenblätter beachtete. Ebenso hatte ich selten eine Ausdauer für besonders lange Übungsorgien. Das ist ein Problem für mich. Ausdauer. Nicht nur in der Musik verliere ich sie gern. Gleichermaßen im Sprachenlernen oder im Sport hatte ich nie einen starken Willen, lange durchzuhalten. Autodidaktisch erarbeitete ich mir mein Wissen und meine Fähigkeiten. Mir ist bewusst, dass ich nie ein Meister auf meinen Instrumenten sein werde. Aber mein Gefühl und meine Auffassungsgabe für Musik und Klänge haben mich in den Jahren immer ein Stückchen nach vorn gebracht. In „Babyschritten“ sozusagen. Momentan stehe ich vor einer Aufgabe, die mich zum ersten Mal in hohem Anspruch herausfordert und die ich ohne die Jahre des Lernens, Verstehens und Ausprobierens nie hätte beginnen können. Diesmal wird mein Durchhaltevermögen beträchtlich auf die Probe gestellt.

Dass ich selten schrieb, bemerkte ich. Ich erinnere mich außerdem, zweimal in meinem Leben längere Abhandlungen diverser Fakten niedergeschrieben zu haben, die mich zeitweise beschäftigten. Das war aber mehr eine Art von Selbsttherapie, als eine Autorentätigkeit. Als mich verschiedene private Dinge in meinem Leben sehr belasteten, setzte ich mich an meinen Computer und schrieb vieles nieder. Ich legte all meine Sorgen ab. Zeile für Zeile. Der Effekt blieb nicht aus und ich konnte wieder ruhiger schlafen. Diese angesammelten psychischen Belastungen blieben seither in einer Datei auf meinem Rechner gefangen.

Als Musiker kommt man zwangsläufig in die Versuchung eigene Songtexte verfassen zu wollen. Selbstkritisch bemerkt man sehr schnell, ob man das Gefühl für Texte und Worte besitzt, oder nicht. Gerade im Hinblick auf die Konkurrenz. Ich war objektiv und befand, dass ich mit anderen Textern nicht mithalten konnte. Es beginnt allein damit, welches Thema einem Musikstück zugute kommen sollte. Alltagsthemen haben mich selten dazu inspirieren können. Ich habe somit dieses Ziel für mich als erledigt angesehen. Denn unsinnige Songs über die Liebe, das Meer und schlaflose Nächte gibt es zur Genüge.

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