Dezember. Das Jahr 2003 verlief durchschnittlich. Einige Familiensituationen und der Tod meiner Großmutter führten dazu, dass ich diese Zeit nicht gänzlich unter den Teppich kehrte und dieses Jahr vollends vergessen konnte. Es wurde geliebt, gelebt, gestritten, versöhnt, gefeiert, getrauert, verändert und einiges mehr. Ein relativ normales Jahr, ohne besondere Vorkommnisse, die einem vordergründig in der Erinnerung blieben.

Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester eines jeden Jahres macht einige Menschen mürbe. Mich eingeschlossen. Nicht, dass ich deprimiert bin und kurz davor, mir einen Strick zu nehmen, nein es liegt an etwas anderem. Das Fest an sich mag ich nicht besonders. Innerlich verbinde ich diese Tage stets mit Stress, zwanghaften Besuchsorgien, einer aufgesetzten Besonnenheit und der jährlich stattfindenden Diskussion, ob man nun in eine Kirche gehen wird oder nicht.

Meist lehnte ich dankend ab, da sich mir der Sinn einer Kirche bis zum heutigen Tage nie eröffnete. Ich brauche kein Gebäude, keine Bibel, keinen Pfarrer, Priester oder eine Gemeinschaft, um zu glauben. Und schon gar nicht öffentliche Singspiele, mit Liedern, die ich oft nicht kenne. Hierbei geht es mir auch persönlich gar nicht um die Frage nach einem Gott, einem Ritual oder einer speziellen Feierstunde. Sondern eher um diese hier in Deutschland drückende und angekündigte besinnliche Stimmung, die mich eher deprimiert, als aufheitert oder auf irgendetwas einstimmt. Ich gehe nie zu Gottesdiensten. Warum sollte ich es dann zu Weihnachten tun?

Ich kam einige Male in meinem Leben in die Verlegenheit, darüber nachzudenken, ob es IHN gibt. Diesen Gott. Der Titel „Gibt es einen Gott“ , den ich für unser Musical schrieb, trägt diese Frage sogar in einer Zeile des Refrains. Inhaltlich geht es dort um eine wichtige Entscheidung für die Zukunft unserer erdachten Akteure. Ähnlich wie bei mir, wenn ich mich dem Thema widmete. Entschuldigung, ich nehme hier bereits etwas vorweg und bin noch lange nicht an diesem Punkt. Also: Wenn ich in meinem Leben nicht wusste wie es weitergehen kann, wandte ich mich im Inneren an meinen „Gott“, wenn man es so benennen möchte. Dazu musste es mir oder anderen allerdings sehr schlecht gehen, bevor ich diesem Gedanken freien Lauf gewährte.

Seit vielen Jahren hängt in meinem Auto ein Rosenkranz. Ich verbinde diesen aber nicht mit einem Gott, der Kirche oder Jesus. Es ist mehr ein Talisman, ein Beschützer und gehörte vor vielen Jahren meiner Urgroßmutter, mit der ich herzlich verbunden war. Das ist etwas, woran ich glauben kann. Ebenso an die Familie, an mein Umfeld, an meine Freunde oder meine Fähigkeiten und an manche kleinen Dinge, die es wissenschaftlich gesehen vermutlich gar nicht gibt. Eine Religion gehört für mich nicht in diese Rubrik. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich diesen, meinen Gott garantiert nicht in irgendwelchen Gebäuden suchen werde. Für mich bleibt eine Kirche oder ein Dom ausschließlich ein Bauwerk, dass ich mir aus architektonischen und künstlerischen Gesichtspunkten ansehe. Außerdem mag ich die Akustik und die Ruhe darin. Und das nur, wenn darin kein Gottesdienst stattfindet.

In diesen Tagen, das Jahr 2003 neigte sich seinem endgültigen Ende zu, ereignete sich dann doch noch etwas, das mich Jahre danach noch beschäftigen würde. Die Geschenke waren verteilt. Die Erholungsphase von der Familie, von der Schwermut des Verlustes der Großmutter und des üppigen Essens der Feiertage hatte gerade erst begonnen. Arbeiten, egal welcher Art machten keinen richtigen Spaß mehr. Ich wartete im Grunde nur darauf, dass diese letzten Tage des Jahres endgültig vorbeigehen und fragte mich, was mir die letzten 12 Monate gebracht haben. Wie in jedem Jahr zog ich mein persönliches Resümee. Einige Gedanken dazu: Ist wieder nur ein weiteres Jahr dahingezogen? Trägt man lediglich eine höhere Zahl in seiner Altersangabe oder gab es Ereignisse, woran man sich tatsächlich auch später erinnern würde? Das gleiche Ritual, die gleichen Fragen. Jahr für Jahr.

Die Tage zwischen den Jahren kommen mir viel zu lang vor. Da ich halbtags und meist nur jede zweite Woche arbeite, hatte ich frei. Zeit für mich, die ich nutzte. Um zu entspannen, sitze ich in meinem kleinen Tonstudio vor dem Computer und irre im Internet in einigen speziellen Musiker-Foren herum. Lese, was es Neues gibt, welche Erfahrungen mit diversen Software-Neuheiten gesammelt wurden und lausche dem einen oder anderen musikalischem Produkt, welches als Hörprobe zur Verfügung gestellt wurde. Beim Stöbern fiel mir ein Beitrag eines Neulings in diesem Forum auf: „Suche Mitstreiter für ein Musical-Projekt“.

Da meine musikalischen Bemühungen bis dahin auf einem Tiefpunkt angekommen waren, antwortete ich auf diese Einladung. Gut, die Bezeichnung Tiefpunkt ist an dieser Stelle wohl falsch gewählt, da in den Jahren zuvor künstlerisch auch nicht viel geschah. Meine Band hatte sich, wenn man es genau nahm, vor vier Jahren aufgelöst. Mir war es nur noch nicht bewusst geworden. Bis zu diesen Tagen blieb von der Band nur noch mein Schlagzeuger, Nachbar und Freund Enrico übrig, mit dem ich freitags in meinem Studio zusammensaß. Nicht allein wegen der Musik. Es war eher unsere Freundschaft. Der eine trifft sich zum Bier in der Kneipe um die Ecke, wir trafen uns zum Bier im Tonstudio. Anfangs, nachdem unser Gitarrist, bzw. eineinhalb Jahre später unser Bassist ausstieg, bemühten wir uns gemeinsam unser „altes“ Material der letzten zwei Alben in neuem Gewand zu beleben. Ich liebe diese Atmosphäre der Arbeit! Vereinzelte Übungstage für eventuelle Live-Auftritte gab es ebenso. Ganz allmählich schien es, als ob meinem Mitstreiter der Enthusiasmus abhanden kam, nachdem er sich eine Freundin zulegte. In den folgenden Monaten reduzierte sich dieses Zusammensein nicht nur in der Anzahl der Tage, sondern auch in seinen Aktionen. Schwarzbier, wie so oft, und die neuesten Filme aus der Videothek standen dann vorrangig auf der Tagesordnung.

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