Es ist irgendwie erschreckend. Ich bin zwar gerade erst Mitte fünfzig, aber trotzdem der Älteste in der Familie, wenn man mal die Halbgeschwister meiner Eltern außen vor lässt. Wenn ich eines Tages gehen sollte, dann gehen auch alle Erinnerungen und Geschichten der vorherigen Generationen. Irgendwie stimmt mich das traurig. Und ich denke immer wieder darüber nach.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es viel zu erzählen gab: Geschichten, Erlebnisse, Erinnerungen und Ereignisse. Manche Anekdoten waren spannend, andere traurig, aber viele waren auch sehr lustig und kurios. Manches hörte man öfter, anderes selten. Unsere Familientreffen waren immer unterhaltsam. Sobald jemand zu erzählen begann, vergaß man die Zeit. Einige Abende wurden deshalb ziemlich lang.
Ich mochte das und hörte gern zu. Immer wieder fiel in all den Jahren der Satz: „Mensch, das müsste man eigentlich alles aufschreiben.“ Pustekuchen! Niemand hat etwas aufgeschrieben. Was ich sehr bedaure. Aber auch ich habe mich früher nicht besonders darum bemüht, etwas Familiäres festzuhalten. Es gibt zwar meinen Blog, wo ich meinen Gedanken freien Lauf lasse, und einige andere Aufzeichnungen, aber darin drehte es sich meist um Dinge, die nicht so gut liefen. Mein Musical-Projekt zum Beispiel, oder die Eskapaden meiner Großmutter, die uns das Leben schwer machten.
Der Tod meiner Mutter – sie ging von uns im letzten Dezember – hat mich tief getroffen. Es war viel zu früh. Ich vermisse sie sehr. Sie fehlt. Wir sprachen täglich miteinander, schwelgten oft in alten Erinnerungen und tauschten uns aus. Wir planten, wir organisierten und besprachen wichtige Termine, Feiern und den Alltag. Sie war der Mittelpunkt der Familie und brachte uns regelmäßig zusammen. Sie war es auch, die die Familiengeschichten aufrechthielt und die Erinnerungen weitertrug.
Als sie starb, war ich wochenlang wie gelähmt. In meinen Gedanken, im Alltag und bei der Arbeit. Ich schlief kaum, dachte über vieles nach und musste mich zwingen, zu funktionieren. In diesen sehr schmerzlichen Wochen war es äußerst hilfreich, dass ich mich ablenken konnte. Es gab unzählige Dinge, die geregelt und organisiert werden mussten. Um meinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, postete ich schließlich folgenden Text auf ihrem Facebook-Profil:
Hi Ma, weißt Du noch, als Pa vor acht Jahren starb? Du riefst an diesem Abend, nachdem wir uns alle von unserem Vater verabschiedet hatten, den Bestatter an und sagtest ihm: „Mein Mann hat sich aus dem Staub gemacht.“ Diesen Tag habe ich noch sehr bildlich im Gedächtnis. Es war ein trauriger und wirklich sehr mysteriöser Tag. Wir haben diesen Abschied erwartet und uns monatelang seelisch darauf vorbereiten können. Es war eine Frage der Zeit. Und was machst Du jetzt? Das Gleiche. Nur ohne Ankündigung. Von heute auf morgen. Niemand hat damit gerechnet, dass Du für immer gehen wirst. Nichts hat darauf hingedeutet. Das war einfach nicht fair.
Ich habe Dir viel zu verdanken. Du hast mich aufgezogen, mich in verschiedenen Lebenslagen und bei meinen Hobbys unterstützt, mir viele wichtige Werte vermittelt, hast dabei geholfen, mir Wünsche zu erfüllen, und warst mein moralischer Kompass. Du hast mir früh Verantwortung übertragen und mich gelehrt, damit umzugehen. Wir sprachen bis vor kurzem fast jeden Tag miteinander und haben uns ausgetauscht. Wir lachten, lästerten und schwelgten in alten Zeiten. Wir konnten uns aufeinander verlassen und haben viele Dinge gemeinsam besprochen, geplant und umgesetzt.
Wir waren nicht immer gleicher Meinung, haben die des anderen jedoch respektiert. Auch wenn es manchmal seine Zeit brauchte. Zeit zum Nachdenken und um die Situation abzuwägen. Ich weiß, und das hast Du mir unmissverständlich klar gemacht, dass Dir einige meiner Lebensentscheidungen missfallen haben. Und warum? Weil Du selbst in ähnlichen Situationen warst und anders entschieden hast. Nicht zu Deinem Vorteil, sondern zugunsten anderer. Das hast Du auch von mir erwartet. Da es hier jedoch um mein Leben ging, konnte ich dem nicht grundsätzlich folgen. Ich habe oft, wie Du auch, Rücksicht auf andere genommen und sehr genau abgewogen, wie sich meine Entschlüsse auswirken. Manche Überlegungen zermürbten mich. Aber ich wusste, dass ich mir ewig Vorwürfe gemacht hätte, wäre ich Deinem Beispiel gefolgt.
Weil wir gerade von Entscheidungen sprechen… Du selbst hast ein paar Regelungen und Schritte, die zu treffen waren, immer gern verdrängt oder nach hinten verschoben. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt“, hast Du gesagt. In manchen Gesprächen war die Rede davon, dass sich Konsequenzen für andere ergeben würden, die Du jetzt keinem antun wolltest, wenn Du Dich festlegst. Du wusstest eigentlich, was zu tun ist, was das Richtige gewesen wäre. Du hast es vermieden. Du hast die Verantwortung abgegeben.
Deine Erwartungen an mich waren immer hoch. Weit höher als an andere in unserem Umkreis. Das war eines der wenigen Dinge, die ich nie verstanden habe. Natürlich wusstest Du, dass ich Probleme und Situationen meistern kann und Prioritäten setze. Dir war klar, dass ich mein Leben im Griff hatte und kein weiteres Sorgenkind war, um das Du Dich kümmern musstest. Ich habe von Dir geteilt bekommen, wie man ruhig und überlegt Angelegenheiten organisiert und den Fokus nicht verliert. Auch, welche Dinge im Leben immer wichtiger sein müssen als andere: Familie, Liebe, Freundschaft, Verständnis, Anerkennung, Kompromissbereitschaft und gegenseitiger Respekt. Und nicht zu vergessen die Liebe zur Natur, zur Kunst, zum Theater und zur Musik. Alles andere war zweitrangig. Wie viele kulturelle Veranstaltungen wir gemeinsam besucht haben, wie viele gemeinsame Urlaube und Ausflüge wir machten, kann ich heute kaum beziffern. Aber das hat mich geprägt und hat Erinnerungen erschaffen, die mir niemand mehr nehmen kann. Dafür werde ich ewig dankbar sein.
Ich habe mich von Dir persönlich verabschieden können. Das war mir wichtig und ein wenig Trost. Aber die letzten Worte teilten wir tags zuvor nur telefonisch und per Handy-Nachricht. Ich bin überaus froh, dass es nichts mehr gab, was zwischen uns stand. Nichts, was geklärt oder hätte gesagt werden müssen.
Mir werden in Zukunft viele Dinge fehlen, die zu meinem Leben und meinem Alltag gehörten. Unsere täglichen Gespräche, unser Austausch, Dein Humor, Dein Ratschlag und die vielen Familiengeschichten, die Du bei Zusammenkünften gern zum Besten gabst. Aber auch die vielen kleinen Dinge und Banalitäten, die mir zum Teil heute vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Es gibt viele Orte, an denen ich in Zukunft an Dich denken werde und die mit unserer gemeinsamen Biografie ewig verbunden sind.
Du warst der Mittelpunkt unserer Familie. Du hast vieles zusammengehalten und dafür gesorgt, dass „alles seinen gewohnten Gang“ läuft. Du warst Schlichterin, Problemlöserin und Anlaufstelle für viele. Du hinterlässt eine ziemlich große Lücke, die von keinem von uns ohne Weiteres gefüllt werden kann.
Da mir die geeignete Adresse fehlt, unter der ich Dich erreichen kann, schreibe ich Dir auf diesem Wege. Ich hoffe, die Worte kommen an. Grüße alle, die wir liebten und vermissen! Auf Deine Schwiegermutter, meine Großmutter, wirst Du hoffentlich nicht treffen, denn die dürfte eher ein paar Etagen unter uns gelandet sein…
Ich vermisse Dich schon jetzt und bin endlos traurig, dass Du nicht mehr bei uns bist. Hab Dich lieb, Frank
Ich weiß, diese Art von öffentlicher Kommunikation ist vielleicht ein bisschen komisch. Aber irgendwie musste ich das loswerden. Nach der sehr bewegenden Beisetzung – die Friedhofskapelle war brechend voll – wurde es langsam ruhiger. Es standen zwar noch immer verschiedene Termine an, die mit ihrem Tod verbunden waren, aber ich konnte mich allmählich auch wieder anderen Dingen widmen. In den folgenden Monaten kehrte gemächlich der Alltag zurück.
Seitdem kam unsere Familie immer wieder zu den gewohnten Festen zusammen: Weihnachten, Ostern, Geburtstage, die Jugendweihe meiner kleinen Tochter oder einfach nur mal so. Wie früher. Nur ohne meine Ma. Während dieser Zusammenkünfte, und auch an vielen anderen Stellen, kam mir der alte Satz wieder und wieder in den Sinn: „…das müsste man eigentlich alles aufschreiben.“
Wer, wenn nicht ich, sollte all diese Geschichten zusammentragen? Vor allem für meine Kinder und für die Kinder meines Bruders. Mein Bruder ist einige Jahre jünger als ich. Viele Familienmitglieder, die viel zu früh gegangen sind, konnte er nie richtig kennenlernen. Ihm fehlten der enge Kontakt und die Gelegenheiten, von unseren Vorfahren zu hören, wie es früher war – die mehr als sechs Jahre Unterschied sind in dieser Hinsicht nicht ganz unerheblich.
Also habe ich tatsächlich angefangen, unsere Familienchronik zu schreiben. Zudem habe ich mich bei zwei Ahnen-Portalen angemeldet, um die Lücken in meinen eigenen Erinnerungen zu schließen. Es ist faszinierend, was plötzlich alles wieder an die Oberfläche kommt, wenn ich intensiv an einzelne Verwandte zurückdenke: längst vergessene Situationen, liebevolle Kleinigkeiten, lebendige Bilder im Kopf…
Noch stehe ich ganz am Anfang. Aber ich bin mir sicher, dass sich die Seiten füllen werden. Ich habe angefangen – und das ist das Wichtigste: meinen Nachfahren zu erzählen, woher sie kamen.